Scan 550
Die Geigen und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1922
16 lines. Read by computer on 27 September 2026. Printed page 546. See the scan on archive.org.
1F. Chanot Geigen nach dessen neukonstruiertem Modell anzufertigen. Im Jahre 1819 traf er in Paris ein und arbeitete zunächst zwei Jahre lang für Chanot. Der Verkehr mit diesem hochgebildeten und geistreichen Manne hat jedenfalls nach mehr als einer Richtung hin befruchtend auf den angehenden Künstler eingewirkt. Lété war eigentlich Orgelbauer, aber als Schwiegersohn Piques betrieb er auch einen Geigenhandel; Vuillaume; der kurze Zeit allein in der Rue Croix des Pet. Champs Nr. 30 gearbeitet hatte, wurde 1825 sein Geschäftsteilhaber, und die Firma lautete dann Lété et Vuillaume, 1828 aber trennte er sich von ihm, heiratete und eröffnete in der Rue des Petits Champs Nr. 46 seine Werkstatt, die er erst 1860 nach der Rue Demours Nr. 3 verlegte. Er war verheiratet mit Adele Guesnet aus Clermont, einer feingebildeten Frau, die seinen Arbeiten das vollste Verständnis entgegenbrachte. Auch er hatte anfangs unter dem weitverbreiteten Vorurteil gegen neue Geigen schwer zu leiden, und so kam er frühzeitig darauf, alte Meisterwerke, vornehmlich von Stradivari1), nachzuahmen. Er brachte es nach rastlosen Versuchen darin zu einer unübertroffenen Meisterschaft, so daß heutzutage gewiß viele »Stradivari« von beschworener Echtheit Arbeiten Vuillaumes sein dürften. So sind auch fast alle Duiffopruggarschen Violinen, die heute gezeigt werden, von ihm hergestellt worden. Die Sorgfalt seiner Ausführung erstreckte sich bis in die kleinsten Einzelheiten; sein Holz suchte er auf weiten Reisen zusammen; er durchstöberte alte Kirchen, Trödlerbuden, und fand er einen alten Balken, ein altes Möbelstück, das brauchbares Holz enthielt, so war ihm kein Preis zu hoch. Er war ein feinsinniger Kenner, der sich jedoch nicht auf das Gefühl allein verließ. Er hatte die Vorzüge und Eigentümlichkeiten aller Meister auf das eingehendste studiert und war stets bereit, Forschern die Mittel zu weiteren Studien an die Hand zu geben; so hätte z. B. Savart seine scharfsinnigen Untersuchungen ohne Vuillaumes Beihilfe gar nicht anstellen können. Er war freilich auch ein ebenso geriebener Kaufmann als genialer Künstler und brachte es zu großem Reichtum. Auch dem Lackieren wendete er sein Leben lang die peinlichste Sorgfalt zu, und er ist zweifellos der einzige Geigenmacher des 19. Jahrhunderts, der darin den alten Italienern wenigstens im Aussehen der Lackierung gleichkam; aber er hielt sein Verfahren geheim und nahm sein Wissen mit ins Grab. Eine Zeitlang trocknete er sein Holz in einem besonderen Ofen, was er aber unterließ, als er erfahren mußte, daß die Geigen aus künstlich getrocknetem Holz sehr bald ihre Tonfülle verloren. Er war fabelhaft fleißig und hat an 3000 Instrumente gemacht, abgesehen von anderen Versuchen und Erfindungen (z. B. dem »Oktobass«, dem »Kontralto« usw.). Auch als Bogenmacher war er ein Meister ersten Ranges. Was den Gelehrten bisher nicht gelungen war, vollbrachte hier der Künstler: die Aufstellung eines bestimmten Gesetzes für die Konstruktion des Tourte-Bogens. Seine Theorie ist aus einer Zeichnung ersichtlich, auf der die mathematisch berechnete allmähliche Verminderung des Umfanges der Stange die genaue Be-
31) Über die bis zur Täuschung ähnliche Kopie von Paganinis Guarneri del Gesù vgl. »die Geige von Camillo Sivori« in De Wits Zeitschr. 1894, Nr. 32.
5stimmung der Form eines Tourte-Bogens ermöglicht. Im Jahre 1834 beschäftigte er sich mit der Herstellung von Bögen aus Stahl. Später erfand er einen Bogen mit feststehendem Frosch, in dessen Innerem eine Maschinerie aus Messing angebracht war, um die Spannung der Stange zu ermöglichen. Wenn er mit diesen Versuchen auch keinen Erfolg hatte und selbst davon abkam, so beweisen sie doch, daß er auch als Bogenmacher ein schöpferischer Künstler war. Seine Bögen sind jetzt nicht minder gesucht wie seine Geigen. Er war nicht nur ein tüchtiger Lehrer im Geigenbau, sondern hatte auch als Bogenmacher zahlreiche, später zu Ehren gekommene Schüler. In seinem erfolgreichen Leben wurden ihm zahlreiche Auszeichnungen zuteil, und in der einschlägigen Literatur wird er überall ausführlich behandelt. Er gebrauchte verschiedene Zettel, manchmal auch Brandmarken. Seine Arbeiten sind jetzt meist in festen Händen. Carl Flesch in Amsterdam besitzt eine Violine mit rotem Lack (à la Lupot) von 1825. — Eine schöne Kopie der »Messias« (von 1865) hat der frühere Hofsekretär A. Gerschey in Lissabon und eine vorzüglich gelungene Kopie nach Guarneri Valentin Walter in Grulich. Obwohl er sehr fleißig war — eine Violine von 1864 trägt schon die Nummer 2537 — steigen seine Arbeiten fortwährend im Preise, und es ist deshalb kein Wunder, daß seine Zettel auch in Mirecourter Fabriksgeigen usw. zu finden sind. Meist verwenden die Fälscher Zettel mit unrichtigen Jahreszahlen, sehr gerne 1844 mit der Adresse 3 rue Demours-Ternes, obwohl Vuillaume erst im Jahre 1860 dorthin gezogen ist. Eine prachtvolle Violine von ihm besitzt Konzertmeister Benno Walter in Köln. Die Echtheit seiner Arbeiten läßt sich bei den meisten seiner bisher noch nicht geöffneten Geigen auch dadurch feststellen, daß sie innen sowohl an der Decke als am Boden (durch die F-Löcher unsichtbar) seinen Namenszug und in der Mitte des Bodens eine Nummer tragen. Die Geigen, die er von seinen Leuten ausführen ließ, trugen den Zettel: Abb. 816.
7Geigenzettel: J. B. Vuillaume No. 26 / Rue Croix des Petits Champs / No. 30 / à Paris en 1825 (geschrieben). — J. B. Vuillaume / A Paris / 3 Rue Demours aux Ternes / Ci-devant rue Croix des Petits Champs (gedruckt) und Abb. 799, 800, 801, 805, 816.
9Vuillaume, Jean-François. — Mirecourt. Geb. 1720
10Sohn von François IV. Von ihm weiß man nur, daß er sich schon mit 18 Jahren mit Marie Claussier verheiratete.
12Vuillaume, Joseph-François. — Lyon. Geb. 1804, † 9. Juni 1856
13Ein Sohn von Claude François IV V., der sich in Lyon niederließ. — Er war der Schwager von Charles Jacquot. als Geigenmacher jedoch nicht hervorragend.
15Geigenzettel: Rue du Palais-Grillet No 14 au 2me / Luthier / Vuillaume / Loue et Vend toutes sortes d'instruments / à Cordes, les raccommode ainsi / que les serinettes / à Lyon / Tient un assortiment de cordes (gedruckt).
Makers on this page
The computer misreads some letters and numbers. Where a name matters to you, read the scan.