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Scan 519
Musikalisches Conversations-Lexikon : eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften für Gebildete aller Stände, 1880
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1aber hat der Grossmeister sich selbst durch seine erhabenen Schöpfungen errichtet, und die ganze gebildete Welt wird dies durch die glänzende Feier seines nahe bevorstehenden hundertjährigen Geburtstages beweisen. Denn längst hat man ihn nicht blos an die Spitze der Tondichter dieses Jahrhunderts gestellt, sondern ihm auch eine der hervorragendsten Stellen in den geistigen Bestrebungen der Menschheit zuerkannt und die Ebenbürtigkeit mit allem Bedeutenden, auf welchem Gebiete es auch geleistet sei, zugesprochen. — B. war von mehr kleiner als mittlerer, aber stämmiger und kräftiger Natur, gedrängt und von starkem Knochenbau; das Gesicht, voll, rund und gesundfarbig, wurde von dichtem, dunklen, aber fast stets struppigen und ungeordneten Haar umrahmt und zeigte unruhige, leuchtende, bei fixirtem Blick fast stechende Augen, so wie einen energisch geschlossenen Mund. Der letztere deutete auf Thatkraft und Willensstärke, während aus den Augen Gutmuthigkeit und Scheu oder auch geistige Abwesenheit sprach. Die straffe Führung des Körpers machte bei zunehmender Taubheit einer misstrauisch lauschenden Haltung Platz, die Bewegungen waren und blieben jedoch hastig und ungeregelt. Aber unter seiner vernachlässigt, sonderbaren, oft rauhen und abstossenden Hülle barg er ein edles, reines und gefühlvolles Herz, das von Natur- und Menschenliebe tief durchdrungen war. Seine erhabensten Werke sind ein Cultus dieser Gefühle. Er liebte und pflegte einsame Spaziergänge weit hinaus ins Freie und machte solche fast täglich ohne Rücksicht auf die Witterung, um ungestört und durch keine widerwärtigen Zufälle angefochten zu denken, zu träumen und zu schaffen. Um die Formen der Gesellschaft kümmerte er sich nicht und verletzte sie, wenn sie ihm Zwang auferlegten, ohne Bedenken. Dem entsprechend war sein Wesen im Umgange ein Gemisch von Absonderlichkeiten, bald ausgelassen lustig, possenhafte Einfälle zu Tage fördernd, bald, ohne vermittelnden Uebergang, zerstreut und wortkarg. Wer ihn so, wie er war, hinunnehmen wusste — und es waren deren nicht Viele —, dem war er mit innigster Freundschaft zugethan. Die Mehrzahl der mit ihm verkehrenden Menschen hielten ihn und gaben ihn für einen mürrischen, störrigen und eigensinnigen Mann aus, dessen grosser Künstlerschaft man Vieles zu Gute halten müsse. Rang und Stand galten ihm, seinem ganzen Wesen entsprechend, Nichts, und seine hohen Gönner erschienen ihm, dem kleinen, unscheinbaren Manne gegenüber, der sich nur vor dem unsichtbaren Höchsten beugte, mindestens zur Ebenbürtigkeit degradirt. Seine Häuslichkeit war, da keine Gattin ihre Fürsorge walten liess, ungeordnet und junggesellenhaft und blieb der Laune und dem zweifelhaften Ordnungssinn einer weiblichen Dienerin überlassen. Für die Unbequemlichkeiten, welche ihm das häusliche Leben demzufolge reichlich bot, entschädigte er sich in seiner liebsten Werkstätte, in der freien Natur, wo ein Theil seiner Hauptwerke nicht blos entstanden, sondern auch ausgearbeitet worden ist. one of two readings
2aber hat der Grossmeister sich selbst durch seine erhabenen Schöpfungen errichtet, und die ganze gebildete Welt wird dies durch die glänzende Feier seines nahe bevorstehenden hundertjährigen Geburtstages beweisen. Denn längst hat man ihn nicht blos an die Spitze der Tondichter dieses Jahrhunderts gestellt, sondern ihm auch eine der hervorragendsten Stellen in den geistigen Bestrebungen der Menschheit zuerkannt und die Ebenbürtigkeit mit allem Bedeutenden, auf welchem Gebiete es auch geleistet sei, zugesprochen. — B. war von mehr kleiner als mittlerer, aber stämmiger und kräftiger Natur, gedrängt und von starkem Knochenbau; das Gesicht, voll, rund und gesundfarbig, wurde von dichtem, dunklen, aber fast stets struppigen und ungeordneten Haar umrahmt und zeigte unruhige, leuchtende, bei fixirtem Blick fast stechende Augen, so wie einen energisch geschlossenen Mund. Der letztere deutete auf Thatkraft und Willensstärke, während aus den Augen Gutmuthigkeit und Scheu oder auch geistige Abwesenheit sprach. Die straffe Führung des Körpers machte bei zunehmender Taubheit einer misstrauisch lauschenden Haltung Platz, die Bewegungen waren und blieben jedoch hastig und ungeregelt. Aber unter seiner vernachlässigt, sonderbaren, oft rauhen und abstossenden Hülle barg er ein edles, reines und gefühlvolles Herz, das von Natur- und Menschenliebe tief durchdrungen war. Seine erhabensten Werke sind ein Cultus dieser Gefühle. Er liebte und pflegte einsame Spaziergänge weit hinaus ins Freie und machte solche fast täglich ohne Rücksicht auf die Witterung, um ungestört und durch keine widerwärtigen Zufälle angefochten zu denken, zu träumen und zu schaffen. Um die Formen der Gesellschaft kümmerte er sich nicht und verletzte sie, wenn sie ihm Zwang auferlegten, ohne Bedenken. Dem entsprechend war sein Wesen im Umgange ein Gemisch von Absonderlichkeiten, bald ausgelassen lustig, possenhafte Einfälle zu Tage fördernd, bald, ohne vermittelnden Uebergang, zerstreut und wortkarg. Wer ihn so, wie er war, hinzunehmen wusste — und es waren deren nicht Viele —, dem war er mit innigster Freundschaft zugethan. Die Mehrzahl der mit ihm verkehrenden Menschen hielten ihn und gaben ihn für einen mürrischen, störrigen und eigensinnigen Mann aus, dessen grosser Künstlerschaft man Vieles zu Gute halten müsse. Rang und Stand galten ihm, seinem ganzen Wesen entsprechend, Nichts, und seine hohen Gönner erschienen ihm, dem kleinen, unscheinbaren Manne gegenüber, der sich nur vor dem unsichtbaren Höchsten beugte, mindestens zur Ebenbürtigkeit degradirt. Seine Häuslichkeit war, da keine Gattin ihre Fürsorge walten liess, ungeordnet und junggesellenhaft und blieb der Laune und dem zweifelhaften Ordnungssinn einer weiblichen Dienerin überlassen. Für die Unbequemlichkeiten, welche ihm das häusliche Leben demzufolge reichlich bot, entschädigte er sich in seiner liebsten Werkstätte, in der freien Natur, wo ein Theil seiner Hauptwerke nicht blos entstanden, sondern auch ausgearbeitet worden ist. one of two readings
4Zahl und Bedeutsamkeit der B.'schen Werke gestatten an diesem Orte nur eine allgemeine Charakterisirung, da eine eingehende Schilderung und Würdigung derselben mehrere Bände in Anspruch nehmen würde. Sie umfassen 138 Nummern, wozu noch eine bedeutende Menge kleinerer Compositionen ohne Angabe einer Opuszahl tritt, nämlich: neun grosse Sinfonien, das sinfonische Tongemälde »Die Schlacht bei Vittoria«, das Ballet »Die Geschöpfe des Prometheus«, die Musik zu dem Trauerspiel »Egmont«, die Oper »Fidelio«, das Festspiel »Die Ruinen von Athen«, die Ouvertüren zu »Coriolan«, »König Stephan«, »Leonore« (drei an der Zahl) und Fest-Ouvertüre, ferner: sechszehn Streichquartette, vier Quintette, ein Sextett, ein Septett, acht Klavier-Trios, 38 Klavier-, zehn Violin-, fünf Violoncell- und eine Horn-Sonate, zahlreiche Hefte Variationen, Tänze und kleine Klavierstücke, endlich: zwei grosse Messen, das Oratorium »Christus am Oelberge«, Cantaten, zahlreiche geistliche und weltliche Lieder u. s. w. Die immense Bedeutung dieser Werke liegt zunächst darin, dass sich in ihnen die Vollendung, der Gipfelpunkt unserer Instrumentalmusik darstellt, wie er von ihrem Schöpfer unter gewaltigem Ringen erreicht, von keinem der Epigonen mehr übertroffen worden ist. An die Traditionen der grossen Wiener Tonschule, der auch er angehörte, anknüpfend, hat B. die überliefert überkommenen Formen wesentlich erweitert und ausgebildet, und im Verlaufe seiner künstlerischen Thätigkeit nach und nach den Inhalt aus dem Bereiche des blossen Tonspiels in das
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