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Scan 416
Musikhistorisches museum von wilhelm heyer, 1910
8 lines. Read by computer on 29 September 2026. Printed page 408. See the scan on archive.org.
1Die NAGELGEIGE,
3auch „Nagelharmonika“, „Stiftgeige“ oder „Eisengeige“ (franz.: „violon de fer“, engl.: „nail violin“) genannt, wurde i. J. 1744 von einem Bayern Johann Wilde¹), der 1741—1764 Kaiserl. Kammermusikus zu St. Petersburg war, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfunden; später machte (nach Gerbers Lexikon) auch ein gewisser Sröde — wohl mit Unrecht — Erfinderrechte
5¹) Wilde war — nach Gerber — „ein vorzüglicher Meister auf der Violin und Viol d’Amour, zugleich aber auch ein erfinderischer Kopf und guter Instrumentenmacher.“ In Hillers „Wöchentlichen Nachrichten“ 4. Jahrgang, S. 192/94 sind seine verschiedenen Erfindungen beschrieben, die in einer Stockvioline, einer Viole d’Amour mit Dämpfer, einer silbernen Syrinx-Pfeife, einer Schalmei-Querflöte, einer kleinen Violine mit Pergamentdecke, einem zusammenlegbaren Violoncello u. a. bestanden. — Ueber die Nagelgeige heißt es (Seite 193/94):
7„Eine eiserne Nagel-Geige, sonst auch . . . das Wildische Nagel- oder Stifttspiel genannt. Es besteht aus einem halbrund oder in Hufeisen-Gestalt ausgeschnittenen Bretgen, etwa 1 1/2 Fuß lang und 1 Fuß breit, auf welchem 12, 18, oder 24 eiserne gemeine Nägel oder Stiffte eingeschlagen sind, je einer länger als der andre oder tiefer eingeschlagen, nach dem Verhalt, daß einer nach dem andern immer einen ganzen oder halben Ton höher schwirre oder klinge, wenn man mit einem gewöhnlichen Fiedelbogen, der wohl mit Kolophonium bestrichen seyn muß, daran streicht. Es ruht auf befestigten Kugeln oder niedrigen Füßen, und kann, damit es sich beym Spielen nicht verrücke, an jedem Tisch angeschraubt werden. Sonst kann man auch am Bogen dieses Nagel-Spielbrets einen vorragenden Stiel befestigen, woran man das Instrument mit der linken Hand halten, und dem Strich des Bogens mit der rechten Hand entgegen wenden kann, wie man will. Darauf nun kann man so gut als auf einem andern Instrument, das mit dem Bogen tractirt wird, alle Melodien mit einem besondern Klang spielen. Der Erfinder dieses sehr wohlfeilen Instruments hat bey Hofe im Concert, und bey dem Intermezzo und Balletten im Orchester, mit aller Zuhörer Beyfall und Bewunderung darauf gespielt. Der Schall davon ist so durchdringend, daß man es mit Anmuth durch ein ganzes Concert von stark besetztem Orchester durchschwirren hört. Er ist, wie er mir erzählt hat, von ungefähr auf diese Erfindung gerathen, als er in seiner Werkstube einen Fiedelbogen an die Wand hängen wollen, und mit demselben unversehens an einen in der Wand festen Nagel angefahren; da er denn einen unerwarteten Klang gehört, darauf mit Fleiss noch einmahl mit dem Bogen über diesen Nagel und andere Nägel mehr gefahren, bey jedem, nachdem er kürzer oder länger, dicker oder dünner war, einen unterschiedenen tieferen oder höheren Ton angetroffen, und also auf den Einfall gerathen, eine Octav von Nägeln nach unterschiedener Länge oder Stimmung auf ein besondres Brettgen, oder eigentlich zuerst nur in die Thüre seiner Werkstube, zu schlagen; wodurch das neue Instrument gar bald in vollen Stand gerieth“.
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