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Scan 55
41883.f.4 – Untersuchungen über die Zusammensetzung der Klänge der Streichinstrumente / Dr. J. Ritz., 1883
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1und zwar die markierteren darunter auf grössere Entfernungen hin noch bemerkbar sein. Aber es ist unbestreitbar, dass mit zunehmender Entfernung des Hörers von den musikalischen Instrumenten die Unterscheidung ihrer Klänge mehr und mehr erschwert wird, und diese Thatsache beweist genügend, wie wichtig die charakteristischen unmusikalischen Beigaben der Klänge für Beurteilung der Klangfarbe sind. Helmholtz muss selbst zugeben*), dass man aus der Ferne wohl Horntöne mit Gesang oder ein Violoncell mit dem Harmonium verwechseln kann. Ich meine nun, ein Violoncellton, den ich mit einem Klang des Harmoniums verwechselte, ist eben kein Violoncellton mehr; er wird aber sofort ein solcher, wenn ich mich dem Cello soweit nähere, dass ich die Erzeugungsart des Klanges mit anhören kann. Ich gehe noch weiter und sage, ein Klang, von dem wir nur den rein musikalischen Teil hören, dem aber die unmusikalischen Beigaben, die durch die Art seiner Erzeugung mitentstehen, fehlen, hat für uns keine bestimmte Klangfarbe mehr, insoferne wir nicht wissen, welchem Instrumente wir ihn zuweisen sollen. So ist ein Klang, dem das Reibegeräusch des Bogens fehlt, für einen Musiker nie und nimmer der Klang eines Streichinstruments, mag er Obertöne in beliebiger Zahl und von beliebiger Stärke enthalten. Umgekehrt können Klänge, die nur aus einem einzigen Oberton bestehen, die sich also in ihrer Zusammensetzung gar nicht mehr unterscheiden, durch die Art ihrer Erzeugung eine ganz bestimmte Klangfarbe bekommen. Denken wir uns z. B. dass derselbe einfache Ton einmal durch eine weite gedackte Orgelpfeife, die man sanft anbläst,**) ein anderesmal als Oberton einer Saite***) durch Streichen hervorgerufen werde. Man wird den ersteren Ton als den einer Pfeife, den anderen als den eines Streichinstruments bezeichnen müssen und damit ist jedem von beiden eine bestimmte Klangfarbe vindiziert. Diese Klänge unterscheiden sich nicht im musikalischen Teil, aber sehr bedeutend durch die Art ihrer Erzeugung und dadurch wird ihre Klangfarbe bestimmt.
3Es möge hier noch speziell darauf aufmerksam gemacht werden, dass die den Klang begleitenden Geräusche nicht etwa als etwas Nebensächliches oder gar als etwas, was lieber nicht vorhanden wäre, angesehen werden dürfen; ich bezeichne sie im gegenteil als einen unentbehrlichen Teil des Klanges, wenn dieser überhaupt einen bestimmten Charakter haben soll, durch den er sich von andern Klängen unterscheidet. Oder wäre es vielleicht wünschenswert, dass alle jene die Klänge begleitenden Geräusche vollständig wegfielen, wie in der oben erwähnten idealen Musik, oder dass sie auch nur auf ein Minimum beschränkt würden, wie in jenem Falle, wo man Musik aus grosser Entfernung hört? Auf beide Fragen muss man entschieden mit Nein antworten: wir können diese charakteristischen Geräusche gar nicht entbehren, sie bilden die Consonanten der Musik, ohne welche uns diese so schwer verständlich werden würde, wie ein gesprochener Satz, von welchem man bloss die Vokale ausspricht. Denn
5*) l. c. pag. 117.
6**) Nach Helmholtz l. c. pag. 192 lassen sich auf diese Weise einfache Töne herstellen.
7***) Die Flageolettöne in höheren Lagen, also mit kurzen schwingenden Unterabteilungen der Saite sind wohl einfache Töne, namentlich bei sanftem Strich.
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