Scan 124
Beiträge zur Geschichte der Violinsonate im 18. Jahrhundert, 1911
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1Madame Danzi, née Marchand, schreibt ihr op. 1 (Trois Sonates) für Pianoforte und obligate Violine, wie eine Sonate von Maria Freystaler, mit Anklängen an Mozart. Das letztere Werk weiß den Wert einer klaren Wiederkehr des zweiten Themas noch nicht zu schätzen, der Durchführungsteil1) ist minderwertig. Der zweite Satz ist ein „Rondeaux Andante“, den 3. Satz „Angloise Rondeaux“ mit Minore-Mittelsatz schließt gleich dem ersten eine Coda.
3Im Sinne der neueren Zeit, der ihre reifere Thematik angehört, sind Friedrich Walthers Violinsonaten (fünf, hievon eine als op. 5 im Druck) gleichfalls für obligate Violine und Klavier bestimmt. Auch seine „Sonata pour le Pianoforte avec Violon et Violoncelle obligé“ entscheidet sich für eine freiere Behandlung der Streichinstrumente; selbst das Violoncello erhält z. B. im Takt 14 des 2. Satzes eine solistische Antwort auf eine Phrase der Geige zugewiesen2). Op. 5 und die Violinsonate in D dur verwenden marciale Anfangsthemen.
5Wohl die interessanteste Gestalt der bayerischen Komponistengruppe ist J. Ladurner, der spätere Lehrer Aubers. Tiefer gehen zwar seine pianistisch glänzenden Sonaten mit obligater Geige (oe. 7) nicht, aber sie wissen durch geschickte Verwendung von verschiedenartigen Formen und Klangeffekten zu fesseln. Sonate I beginnt mit einer Romanze, die das Klavier in gebrochenen Gitarreakkorden vorträgt, — die darauffolgenden Variationen des Satzes leisten das möglichste an pikanten Wirkungen. Die zweite Sonate, in deren 1. Satz, wie bei Fiorillo, das mächtige Rondo eingreift, bringt als 2. Satz eine Tyrolienne (Ladurner war gebürtiger Tiroler). Der Mittelsatz von Sonate III ist gar ein „Marche funebre“, der 3. Satz, ein leichtes Rondo, wird durch ein Fugato unterbrochen; allenthalben bietet sich Gelegenheit zu Kadenzen. Die Reichhaltigkeit der Gestalten entsprach dem Zuge der Zeit. Dieser „Suitengeist“ mußte schwinden, sollte die Sonate zu dem bevorzugten Träger intimster Empfindungen werden, der sie heute ist. Die Reform setzt in erster Linie in dem bunten letzten Satze ein3). Das 18. Jahrhundert hatte in schwerer Arbeit die Form der modernen Sonate geschaffen, ihren inneren Bau, ein Wunder von Logik, und das innige Verhältnis der beiden Instrumente. Die Sonate war zu einem kostbaren Werkzeuge geworden und bedurfte nur der führenden Meisterhand, um sich höchsten Aufgaben gewachsen zu zeigen. Diese ihre Erschaffung auf geistigem Gebiete, ihre wahre Erfüllung und Idealisation für alle Zeiten, begreift die Musikgeschichte unter dem leuchtenden Namen: Beethoven.
71) Ueber ein Motiv kurz vor Schluß des 1. Teiles.
82) Den graphischen Beweis für die wachsende Bedeutung des Streichinstruments liefert der Umstand, daß die einfachen Klavierstimmen der Schobertschen Zeit nun immer häufiger Vermerke bezüglich der Geige tragen, oder aber ganz der Partitur weichen.
93) Vgl. Riehl Mus. Charakterköpfe I 226.
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