Scan 118
Beiträge zur Geschichte der Violinsonate im 18. Jahrhundert, 1911
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1Im Jahre 1778 nimmt Mozart die Komposition der Violinsonaten in Mannheim wieder auf. Merkwürdig ist an den nun folgenden Meisterwerken, denen die Sonaten der populären Ausgaben angehören, was schon den Zeitgenossen als etwas besonderes auffällt: in ihnen ist „das Accompagnement der Violine mit der Klavierpartie so künstlich verbunden, daß beide Instrumente in beständiger Aufmerksamkeit erhalten werden, so daß diese Sonaten einen ebenso fertigen Violin- als Clavierspieler erfordern“). Daß gerade Mannheim der Ort war, in dem sich die Vollendung der Mozartschen Violinsonate, das Freiwerden der Geigenstimme, erfüllte, dürfte von keiner besonderen Bedeutung gewesen sein. Wichtiger war jedenfalls jener Prozeß in Haydns Schaffen, dessen Beziehung auf die Mozartsche Geigensonate indes bis auf weiteres einer Einschränkung bedarf: ob und wann hier regelrechte thematische Arbeit zum maßgebenden Prinzip wird, das nachzuweisen bleibt genauerer Forschungen überlassen. Oberflächlicher Prüfung offenbart sich nur, was Jahn sagt, daß selbst die Durchführung harmonisch gearbeitet ist. Lediglich die äußeren Konsequenzen thematischer Arbeit, die Individualisierung der einzelnen Stimmen²), hier ausgesprochen in der Gleichwertigkeit von Geige und Klaviersopran, können wir an dieser Stelle als Faktum konstatieren. Innerlich basieren die Werke (scheinbar) wenn möglich noch mehr als früher auf dem Trio, ausgesprochen in dem Duettieren der hohen Stimmen, aber es sind jetzt nicht nur die harmonischen Gesetze durchaus maßgebend, es sind die beiden Solostimmen gegeneinander melodisch auch verselbständigt, ein Umstand, der mit dem Wesen thematischer Arbeit als einem Mittelding zwischen Freiheit und Kontrapunkt sehr viel gemein hat. Mit großer Kunst hat jedenfalls Mozart das, was ein entschiedener Mangel der ganzen bisherigen Entwicklung der Geigensonate war, die Unmöglichkeit des innigen Sich-Durchdringens von Geige und Klavier, aus der Welt geschafft. Er hat Beethoven den Boden bereitet; und wie es den drei großen Genies Haydn, Mozart und Beethoven gelang, die Instrumentalmusik zu glänzendster Vollendung zu führen und ebenbürtig neben ihren alten Nebenbuhler Vokalmusik zu stellen³), so hat Mozart und Beethovens Schaffen auf dem Gebiete der Violinsonate dieser den gebührenden Rang innerhalb der Instrumentalmusik erkämpft. Die individualistische Weltanschauung der Wiener Schule⁴) hat jedenfalls auch die Umgestaltung der Violinsonate inspiriert. one of two readings
2Im Jahre 1778 nimmt Mozart die Komposition der Violinsonaten in Mannheim wieder auf. Merkwürdig ist an den nun folgenden Meisterwerken, denen die Sonaten der populären Ausgaben angehören, was schon den Zeitgenossen als etwas besonderes auffällt: in ihnen ist „das Accompagnement der Violine mit der Klavierpartie so künstlich verbunden, daß beide Instrumente in beständiger Aufmerksamkeit erhalten werden, so daß diese Sonaten einen ebenso fertigen Violin- als Clavierspieler erfordern“1). Daß gerade Mannheim der Ort war, in dem sich die Vollendung der Mozartschen Violinsonate, das Freiwerden der Geigenstimme, erfüllte, dürfte von keiner besonderen Bedeutung gewesen sein. Wichtiger war jedenfalls jener Prozeß in Haydns Schaffen, dessen Beziehung auf die Mozartsche Geigensonate indes bis auf weiteres einer Einschränkung bedarf: ob und wann hier regelrechte thematische Arbeit zum maßgebenden Prinzip wird, das nachzuweisen bleibt genauerer Forschungen überlassen. Oberflächlicher Prüfung offenbart sich nur, was Jahn sagt, daß selbst die Durchführung harmonisch gearbeitet ist. Lediglich die äußeren Konsequenzen thematischer Arbeit, die Individualisierung der einzelnen Stimmen2), hier ausgesprochen in der Gleichwertigkeit von Geige und Klaviersopran, können wir an dieser Stelle als Faktum konstatieren. Innerlich basieren die Werke (scheinbar) wenn möglich noch mehr als früher auf dem Trio, ausgesprochen in dem Duettieren der hohen Stimmen, aber es sind jetzt nicht nur die harmonischen Gesetze durchaus maßgebend, es sind die beiden Solostimmen gegeneinander melodisch auch verselbständigt, ein Umstand, der mit dem Wesen thematischer Arbeit als einem Mittelding zwischen Freiheit und Kontrapunkt sehr viel gemein hat. Mit großer Kunst hat jedenfalls Mozart das, was ein entschiedener Mangel der ganzen bisherigen Entwicklung der Geigensonate war, die Unmöglichkeit des innigen Sich-Durchdringens von Geige und Klavier, aus der Welt geschafft. Er hat Beethoven den Boden bereitet; und wie es den drei großen Genies Haydn, Mozart und Beethoven gelang, die Instrumentalmusik zu glänzendster Vollendung zu führen und ebenbürtig neben ihren alten Nebenbuhler Vokalmusik zu stellen3), so hat Mozart und Beethovens Schaffen auf dem Gebiete der Violinsonate dieser den gebührenden Rang innerhalb der Instrumentalmusik erkämpft. Die individualistische Weltanschauung der Wiener Schule4) hat jedenfalls auch die Umgestaltung der Violinsonate inspiriert. one of two readings
4Wie der Klaviersonate, so stellt auch der Violinsonate erst
6¹) Vgl. das Zitat aus Cramers Magazin I 485 bei Jahn IV 38. one of two readings
71) Vgl. das Zitat aus Cramers Magazin I 485 bei Jahn IV 38. one of two readings
8²) Vgl. Sandberger S. 62. one of two readings
92) Vgl. Sandberger S. 62. one of two readings
10³) Man vgl. die große Bedeutung, die 1810 Reichardt (Vertraute Briefe über eine Reise nach Wien, II. Bd. S. 88) der Instrumentalmusik zuerkennt, mit Aussprüchen z. B. in Matthesons „Vollkommenem Kapellmeister“ (S. 204). one of two readings
113) Man vgl. die große Bedeutung, die 1810 Reichardt (Vertraute Briefe über eine Reise nach Wien, II. Bd. S. 88) der Instrumentalmusik zuerkennt, mit Aussprüchen z. B. in Matthesons „Vollkommenem Kapellmeister“ (S. 204). one of two readings
12⁴) Vgl. O. Schmidt, IMGsmlbd. II 141. one of two readings
134) Vgl. O. Schmidt, IMGsmlbd. II 141. one of two readings
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