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Scan 12
Der Geigenbau in Italien und sein deutscher Ursprung : eine historische Skizze, 1875
17 lines. Read by computer on 30 September 2026, twice; the two readings disagreed in places. Printed page 8. See the scan on archive.org.
1aus dem Besitze des Herrn Niederheitmann in Aachen waren auch eine Zeit lang auf der Wiener Weltausstellung zu sehen. Die mir bekannt gewordenen Zettelinschriften aus Geigen lauten: Gasparo Duissopruccar bonnoniensis. Anno 1511 (die älteste) und 1517 (die jüngste.) Die ehemals in Brüssel befindliche Geige trug die Jahreszahl 1539. Aus einer Baz-Viola wird folgender Zettel citirt: Gaspar Duissopruccar à la Coste Sainct Sebastien à Lyon. Eine Laute aus der Lyoner Zeit, die ich im Kloster Neustift gesehen, hat aber die einfache Signatur: Gaspard Duissopruccar a Lyon.
3Es ist hier nicht der Ort, näher in das Technische einzugehen. Nach den wenigen Exemplaren, die mir vorgekommen, und nach den Beschreibungen von anderen erregt es gradezu Staunen, was er mit Rücksicht auf seine Zeit geleistet hat, man mag das gefällige Format und die leichte Spielart, die Zeichnung der einzelnen Theile, die sorgfältige Wahl des Holzes oder die schöne Arbeit und den Lack in's Auge fassen. Selbst das flache Modell, dessen Annahme man Stradivari zu so großem Verdienste anrechnet, ist bei ihm in den Grundzügen schon gegeben. Der Ton wird bei wohlverhaltenen Instrumenten als gross und weit tragend gerühmt. Bemerkt muss aber werden, daß Tiessenbrucker nicht nach einem Erzeugniß allein beurtheilt werden darf, denn man sieht es an den wechselnden Formen und Zeichnungen, daß auch er, wie in seiner ersten Periode Stradivari, sich viel in Versuchen bewegte. one of two readings
4Es ist hier nicht der Ort, näher in das Technische einzugehen. Nach den wenigen Exemplaren, die mir vorgekommen, und nach den Beschreibungen von anderen erregt es gradezu Staunen, was er mit Rücksicht auf seine Zeit geleistet hat, man mag das gefällige Format und die leichte Spielart, die Zeichnung der einzelnen Theile, die sorgfältige Wahl des Holzes oder die schöne Arbeit und den Lack in's Auge fassen. Selbst das flache Modell, dessen Annahme man Stradivari zu so großem Verdienste anrechnet, ist bei ihm in den Grundzügen schon gegeben. Der Ton wird bei wohlerhaltenen Instrumenten als gross und weit tragend gerühmt. Bemerkt muss aber werden, daß Tiessenbrucker nicht nach einem Erzeugniß allein beurtheilt werden darf, denn man sieht es an den wechselnden Formen und Zeichnungen, daß auch er, wie in seiner ersten Periode Stradivari, sich viel in Versuchen bewegte. one of two readings
6Eine ganz besondere Eigenthümlichkeit seiner Werke bildet die äussere Ausstattung. Der Wirbelkasten läuft bald in die gewöhnliche Schnecke, bald in einen Salamander (Emblème Franz I), bald in einen Menschenkopf aus, als welcher sich zuweilen sein eigener Kopf, aus dem nach dem Portraite Denkkrat und Energie spricht, repräsentirt. Die Oberdecken sind gewöhnlich mit fürstlichen Wappen in Farben oder mit in Gold ausgeführten Königskronen, der Boden entweder mit in eingelegter Holzarbeit dargestellten Städteansichten und Plänen (z. B. Rom oder Paris) oder Delgemälden (Madonnen oder anderen Heiligen) geschmückt. Und es sind künstlerische Vorbilder, die er sich zu diesem Behufe aussucht, — der heilige Lucas oder der heilige Johannes nach Rafael und Madonnen nach Correggio und Andrea del Sarto, letztere, wie man meint, vielleicht sogar von der Hand dieser Meister selbst. Die Reischen längs den Rändern sind bald in einfacher, bald in doppelter Einlage, bald mit, bald ohne arabeskenartige Verschlingungen ausgeführt; desgleichen entbehren die Zargen solcher nicht, oder sind mit in Gold glänzenden Sprüchen bedeckt, unter welchen der sinnige Wahlspruch ganz oder in seinem zweiten Verse, öfter wiederkehrt, welcher lautet:
8„Viva fui in sylvis, sum dura occisa securi.
10Dum vixi, tacui: mortua dulce cano.“ *)
12Nach Kaspar Tiessenbrucker lebten aus dieser Familie noch Leonhard, Wendelin und Magnus, Letzterer bis in den Anfang des siebzehnten Jahrhundertes hinein, als Lautenmacher in Italien. Gleich anderen Fachgenossen ihrer Zeit haben aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch sie mit der Anfertigung von Violen sich befasst. Mir ist aber nur ein Instrument dieser Art und zwar von Wendelin im Museum Modena zu Wien zu Gesicht gekommen.
14Um den Einfluss, welchen die angeführten Meister deutscher Abkunft und vielleicht noch andere auf die Begründung des klassischen Geigenbaues in Italien genommen, so wie überhaupt die technische Fortbildung des italienischen Geigenbaues von einer Schule und einem Meister zu dem anderen genauer nachzuweisen, bedürfte es, wie gesagt, eines Zusammenziehens des zerstreuten Materials an einem gegebenen Orte und für eine bestimmte Zeit, so wie der Verlebendigung desselben durch die sachverständigsten Männer aus allen betheiligten Kreisen, wie solches durch Specialausstellungen in anderen Bereichen bereits mit Erfolg erzielt wurde. Allein auch aus der flüchtigen historischen Skizze, die ich hier zu geben versucht habe, wird man die Ueberzeugung von der einstigen ehrenvollen Stellung der Deutschen in diesem Fache schöpfen. Um so unerfreulicher sieht es in der Gegenwart aus. In der Massenproduktion freilich haben die Deutschen Allen, selbst den Franzosen den Vorraug abgerungen. Im höheren Geigenbau hingegen sind sie über einzelne Anläufe zum Besseren nicht hinausgekommen; sie stehen hierin nicht nur den Franzosen, sondern auch den Engländern nach, bei welchen Nationen wenigstens von Einzelnen — in Paris von der Familie Lupot-Gand z. B. schon an hundert Jahre — die gute Methode mit Ausdauer befolgt wird. Im Kunstgewerbe des eigentlichen Begriffes werden neuerer Zeit in Oesterreich und Deutschland anerkennenswerthe Anstrengungen gemacht, den vor Jahrhunderten eingenommenen Rang wieder zu erobern. Sollte es der Mühe nicht werth sein, auch im Geigenbau, welcher doch dem Zwecke und der Arbeit nach auch in das Kunstgewerbe eingereiht zu werden verdient, dem Beispiele der Voreltern nachzustreben?
16*) Ich lebte in den Wäldern und wurde von der harten Art getötet. — Lebend schwieg ich, todt singe ich füß.
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