Scan 190
Die Geigen und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1922
17 lines. Read by computer on 27 September 2026. Printed page 186. See the scan on archive.org.
1erscheint. Es liegt nahe, diesen Namen als eine willkürliche Verbindung der beiden Namen »Florenus Guidante« und »Guarneri« zu halten. Sollte der Zettel aber echt sein, könnte er vielleicht dazu dienen, Licht über das auf dem Namen Floreno Guidante noch ruhende Dunkel zu verbreiten.
3Guarneri, Giuseppe, genannt »del Gesù«. — Cremona. Geb. 16. Okt. 1687¹), † nach 1742
4Der größte Meister aus der Familie der Guarneri und einer der größten Geigenmacher überhaupt. Er war der Sohn des Gian Battista G. und der Angiola Maria, geb. Locadelli. Gian Battistas Vater war Bernardo G., ein Vetter von Andrea G. Daß Gius. ein Schüler Stradivaris gewesen, wie früher behauptet wurde, war von vornherein unwahrscheinlich. Durch Horace Petherick ist die Frage nach dem Lehrmeister Giuseppe Guarneris recht glaubwürdig beantwortet, denn er konnte zwei Zettel in Jugendarbeiten des Meisters von 1706 und 1714 veröffentlichen, auf denen sich dieser einen Schüler des Andreas Gisalberti nennt. Auch stilkritisch verdient diese Angabe vollen Glauben, wenn auch Giuseppe sehr bald seinen eigenen Weg ging und vollkommen unabhängig von seinen Vorgängern wurde. Er ist ein genialer Künstler, dessen Werke denen Stradivaris ebenbürtig sind und diesen jetzt mit Recht sogar manchmal vorgezogen werden. Da er auf seinen Geigen das eucharistische Zeichen IHS mit dem Kreuz darüber — das u. a. als die griechischen Anfangsbuchstaben des Namens Jesu gedeutet wird — anbrachte, erhielt er den Beinamen »del Gesù«²). Über seinen Lebenslauf ist wenig bekannt; die Sage, daß er im Gefängnis gestorben sei, ist wohl nur darauf zurückzuführen, daß tatsächlich ein Verbrecher Namens Guarneri am Anfang des 18. Jahrhunderts eingekerkert wurde, dieser aber hatte den Vornamen Giacomo. Gius. G. wechselte seine Modelle häufig, ließ das Holz in der Brust sehr stark und wählte für die Mitte die engeren Jahresringe. Bei geteiltem Boden ließ er die Flammen manchmal auch abwärts laufen und bevorzugte breitgeflammtes (tigerfellartiges) Ahornholz. Man unterscheidet bei ihm drei Perioden. In der ersten wechselt er das Patron häufig, ebenso die Form der F-Löcher; die Arbeit ist manchmal flüchtig, aber der Ton immer sehr schön. Seine eigentliche klassische Periode ist die zweite. Jetzt hält er sein gefundenes Modell fester, die Form ist vollendet schön, die Arbeit tadellos, das Holz prachtvoll und der Lack durchscheinend mit einem goldigen Schimmer. In seiner dritten Periode scheint er einem neuen Ziel nachgejagt zu haben, er arbeitete hastiger und weniger sorgfältig, und die Geigen aus dieser Zeit werden, an die Sage von seiner Einkerkerung anschließend, im Handel »Gefängnisgeigen« genannt. Man kennt Violinen, Violen und Taschengeigen, aber keine Violoncelli von ihm. Sein Name war durch mehr als 70 Jahre fast in Vergessenheit geraten, da erhielt
61) Giuseppe hatte einen älteren, am 8. Juni 1683 geborenen Bruder, namens Giuseppe Antonio, der wenige Monate nach seiner Geburt starb.
72) Andere deuten die Buchstaben mit »In Hoc Signo« (vinces), und wieder andere, wie Dr. E. Pochmann in Linz, lesen noch anderes heraus.
91820, Paganini von dem französischen Kaufmanne Livron in Livorno eine Geige von ihm aus dem Jahre 1743 zum Geschenk. Paganini spielte fortan nur mehr auf dieser Geige, und durch seine Kunst wurde der Name Guarneri »mit einem Schlag« wieder berühmt. Diese Geige befindet sich jetzt als ein Vermächtnis des Künstlers an seine Vaterstadt unter einem Glassturze im Museum zu Genua. Zwei schöne Geigen von ihm besitzt Th. Hämmerle in Wien, eine von 1730 W. Tolstopjatow in St. Petersburg, andere Kathleen Parlow, Dr. Welti in Bern, Architekt E. Heman in Basel, Prof. F. Berber, Dr. Hallgarten und Baron von Zwehl in München¹). — Die Geschichte der Familie der Guarneri einigermaßen klar gestellt zu haben, ist ein besonderes Verdienst de Piccolellis, der eine ganze Reihe bisher unbekannter Urkunden beigebracht hat.
11Geigenzettel: Joseph Guarnerius / Alumnus Andreæ Gisalberti / fecit Cremona, 1706 (gedruckt) und Abb. 247, 248 und 269.
13Guarneri, Giuseppe Gian Battista (»Joseph Guarnerius«). — Cremona. Geb. 22. Nov. 1666, † wahrscheinlich nach 1738
14Jüngster Sohn von Andrea, dessen Schüler und Nachfolger er war, den er aber weit übertrffen hat. 1690 vermählte er sich mit Barbara Franchi († 1738), aus welcher Ehe sechs Kinder hervorgingen, drei Töchter und drei Söhne, von denen nur einer, Pietro, Geigenbauer wurde. Seine Geigen zeigen sehr verschiedene Modelle. Am besten charakterisiert man sie damit, daß man sagt, sie stellen den Übergang von Amati und Andrea G. zu G. del Gesù dar. Seine Arbeit ist äußerst sorgfältig. Das Modell ist klein, in der Brust ziemlich schmal und gehört ihm ganz allein an. Charakteristisch sind die langen Bügel, die seinen Geigen fast das Aussehen der Patrons »allongé« von Stradivari verleihen. Sein (wie auch del Gesùs) Deckenholz zeigt nach außen zu breitere Jahresringe, die nach der Mitte zu enger werden. Das Bodenholz ist auch bei ihm oft tigerfellartig, breit geflammt (wie bei G. del Gesù). Die Stellung der F-Löcher wechselt manchmal bei seinen Geigen, was nur darauf schließen läßt, daß er damit Versuche anstellte und bestimmte Ziele verfolgte. Kommen neben unvergleichlich schön ausgeführten Geigen auch solche vor, die die Sorgfalt da und dort vermissen lassen, so findet das bei ihm, wie bei tausend andern Geigenmachern, die naheliegende Begründung, daß die Besteller billigere Geigen verlangt hatten. Der wundervolle Lack ist goldgelb oder hellbraun und manchmal in jenem eigentümlichen Zustande, den Kenner und Geigenmacher gerne als »zerronnen« bezeichnen. Man findet dies bekanntlich auch bei dem Lack von C. Bergonzi und D. Montagnana. Erscheint dieser »zerronnene« Lack auch auf den ersten Anblick rauh oder gar undurchsichtig, so gewinnt er doch, sobald man das Licht in anderer Richtung darauf fallen läßt, das ganze Feuer und die Durchsichtigkeit der glatten Stellen. Gerade der zerronnene Lack ist unnachahmlich, und selbst so geschickte Nachahmer
16¹) Eine möglichst vollständige Liste der erhaltenen Arbeiten dieses Meisters wäre recht wünschenswert.
Makers on this page
The computer misreads some letters and numbers. Where a name matters to you, read the scan.