Bow & Bridge Violin and bow makers, as the old books printed them

Scan 498

Die Geigen und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1922

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1Werke. — Stradivari entstammt einer alten Patrizierfamilie, deren Name auch Stradiverdi (Strativerti) geschrieben wurde; schon 1127 bekleidete ein Ottolinus Stradivarius die Würde eines »Senator patriae«; den gleichen Titel führte 1168 Egidius Stradivari; um die Mitte des 14. Jahrhunderts werden zwei Rechtsgelehrte Grisandro und Guglielmo Stradivari erwähnt. Der Name soll übrigens auf »Stratarius«, d. i. Zolleinnehmer, zurückgehen. Antonio war der Sohn des Alessandro Stradivari (geb. 1602) und der Anna geb. Moroni. Seine Geburt ist in den Matrikeln der Stadt nicht verzeichnet, und es liegt daher nahe, zu vermuten, daß er nicht in Cremona selbst, sondern vielleicht auf einem nahen, der Familie gehörigen Landgute geboren sei. Nicht einmal auf das Jahr seiner Geburt könnten wir schließen, wenn er nicht in eine seiner Arbeiten neben seinen Namen und die Jahreszahl 1732 geschrieben hätte »82 Jahre alt«. Er muß also, wenn diese Angabe genau war, erst um 1650 geboren sein 1). Aus den Kirchenbüchern erfährt man ferner, daß er am 4. Juli 1667 Francesca Feraboschi, die Witwe Gian Giacomo Capras, heiratete, von der er sechs Kinder hatte. Francesca war 1640 geboren — also wohl zehn Jahre älter als Stradivari — und starb am 25. Mai 1698. Am 24. August des darauffolgenden Jahres ging er eine zweite Ehe ein mit Antonietta Zambelli (geb. 1664, † 3. März 1737), die ihn gleichfalls mit fünf Kindern beschenkte. Er kaufte am 3. Juni 1680 von den Brüdern Picenardi ein Haus an der Piazza San Domenico Nr. 2 (heute Piazza Roma Nr. 1) für 7000 Lire Imperiale. Er muß schon damals recht wohlhabend gewesen sein, später aber wurde er ein reicher Mann; ja, das Sprichwort: »Reich wie Stradivari!« soll sich bis auf den heutigen Tag in Cremona erhalten haben. Leider ist bisher kein sicheres Bildnis des Meisters bekannt geworden; man ist daher darauf beschränkt, sich nach der Schilderung des Geigers Polledro in Turin (1781 bis 1853), dessen Lehrer Stradivari gut gekannt haben wollte, die eigenartige Persönlichkeit des größten Geigenmachers vorzustellen. Danach war Stradivari ein großer, hagerer Mann, der bei der Arbeit stets eine weiße Wollmütze und weiße Lederschürze getragen hat. Er hat in seiner Jugend gewiß eine für seine Zeit sehr gute Schulbildung erhalten; wann er bei Nicolas Amati in die Lehre trat, und wie lange er bei ihm blieb, ist nicht bekannt; er wird wohl, wie es damals üblich war, sechs Jahre gelernt haben und scheint auch nach seiner Lehrzeit noch bei Amati geblieben zu sein; ja, man glaubt in einigen Geigen Amatis aus der Zeit vor 1667 die Hand Stradivaris deutlich zu erkennen 1). Da er 1667 heiratete, wird man auch in dieses Jahr seine Selbständigmachung zu setzen haben. Dem entspricht auch die Tatsache, daß die ältesten Geigen, die seinen Namen tragen, zwischen 1668 und 1670 entstanden sind. Schon seine ersten Arbeiten verraten seine seltene Begabung, aber er steht da noch ganz im Banne der Amatischule. Er war gewiß selbst ein trefflicher Geiger, und als solcher erkannte er, was den Amatigeigen noch fehlte; sobald er darüber klar war, begann er eigene Versuche anzustellen, und 30 Jahre lang hat er versucht, bis er endlich fand, was er wollte. Man weiß, daß er einen fabelhaften Fleiß besaß; es gibt aber aus der Werdezeit seiner Kunst doch nur verhältnismäßig wenig Geigen; er muß also alle, die ihm nicht völlig entsprachen, wieder vernichtet haben. Man teilt sein Schaffen in drei Perioden ein; die erste setzt man von 1668—1686. Damals legte er auf die Schönheit des Holzes noch wenig Wert; wenn es nur gutes Tonholz war, war es ihm recht. Aber schon in dieser ersten Zeit sucht er das überkommene Amatimodell zu verbessern; wenn er auch noch wenig änderte, so gab er doch bald der Schnecke eine schwungvollere Form und stach sie tiefer aus. Ein gutes Beispiel für diese Periode ist die aus dem Jahre 1679 stammende sog. »Hellier-Violine«. Er scheint inzwischen einige Meisterwerke der Brescianerschule kennengelernt zu haben. Er wollte nun ihren volleren Klang mit dem süßen Schmelz der Amatigeigen verbinden, und so zeigen die Arbeiten seiner zweiten Periode, die man von 1686—1694 setzt, manches, was an die Brescianer erinnert, aber er nimmt jetzt die Wölbung flacher, macht die Geigen etwas größer, schweift die ) kühner aus und schneidet die F-Löcher, die er jetzt weniger steil anordnet, feiner aus. Auch das Holz wird schöner, wie er überhaupt damals eine gewisse Freude an der Ausstattung gehabt zu haben scheint, da er verschiedene Instrumente mit Elfenbeineinlagen verzierte 2). Möglicherweise wurde er durch besondere Bestellungen dazu veranlaßt; so machte er 1687 mehrere Geigen für den spanischen Hof, 1684 und 1690 solche für Cosmo von Medici, die besonders schön ausgestattet wurden. Der Brescianer Einfluß macht sich besonders bemerkbar in den Geigen, die er schon nach 1687 herzustellen begann, und die in ihren Maßen an Magginis beste Arbeiten erinnern. Er nahm das Modell in der Mitte schmäler als vorher oder nachher; die Geigen sehen dadurch etwas länger aus, und so hat man das Patron »allongé« genannt. Auch diese Versuche befriedigten ihn nicht, obwohl er damit schon alle seine Vorgänger übertroffen hatte. Die Schnecke zeigt in dieser Zeit einen mitteltiefen Stich, der zweite Ring ist um ein Drittel schmäler als die Augenbreite, die äußere Windungskante steht im rechten Winkel zu den äußeren senkrechten Linien. 1690 wird das Modell größer, die Wölbung schöner, er nähert sich wieder dem Amatimodell, und es entsteht das sog. »amatisierte Patron«. Um 1693 ist sein Modell
31) Fetis erzählt von einer Geige, die im Hause Salabue aufbewahrt worden sein soll, in der neben der Jahreszahl von Stradivaris Hand geschrieben steht: »anno aetatis 92«, und nimmt daher 1644 als Geburtsjahr. Ob er diese Geige selbst gesehen, ist fraglich. Niederheitmann erwähnt diese Geige ebenfalls mit der Bemerkung: »Wichtig als einzige Quelle für das Alter Stradivaris«, und zählt drei Zeilen später die sog. »Schwanengesanggeige« von 1737 auf und sagt dazu: »Dieses Instrument enthält die handschriftliche Einzeichnung des Meisters ,d’anni 93‘«. Also wäre die erste doch nicht die einzige Quelle für das Alter. Nun kennt aber auch W. E. Hill mehrere Geigen mit Altersbezeichnungen, die 1650 als Geburtsjahr wahrscheinlicher erscheinen lassen. Wenn man das Mittel aus den merkwürdig schwankenden Altersangaben der Steuerlisten zieht, spricht auch mehr für 1650 als für 1640.
51) Auch die Geigen mit dem Zettel: »Nicolai Amati alumnus« werden ihm zugeschrieben.
62) Man kennt etwa ein Dutzend solcher reichverzieter Arbeiten von Stradivari.

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