Scan 499
Die Geigen und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1922
7 lines. Read by computer on 27 September 2026, twice; the two readings disagreed in places. Printed page 495. See the scan on archive.org.
1etwa 35,8 cm lang. Die obere Breite beträgt 16,8, zwischen den ) (11,4 und die untere Breite 20,9 cm. Der Boden ist in den Backen schwach gehalten. Die dritte Periode beginnt nach 1695, erreicht ihren Höhepunkt 1714 und währt bis 1720. Es ist dies die eigentliche Glanzzeit des Meisters; jetzt hat er gefunden, was ihm vorgeschwebt hatte. Er ist über seinen Vorarbeiten und Studien ein Fünfziger geworden, seine eigenste Schöpfung, das charakteristische, in jeder Beziehung vollkommene Stradivari-Modell, war jetzt fertig, und von nun an weichen seine Arbeiten in den Hauptsachen nur wenig voneinander ab. Als nach 1720 die Sicherheit der Hand etwas nachläßt, will er durch einen neuen Versuch seine Arbeiten auf der alten Höhe erhalten, und er schafft das sog. große Stradivari-Modell. Es ist das die kurze Zeit der Nachblüte, dann aber macht sich das Greisenalter doch mehr und mehr fühlbar, er macht die Wölbung ohne sichtbaren Grund spitzer, die Geigen klingen weniger klar, selbst der Lack ist nicht mehr so schön wie früher und zeigt jetzt vorzugsweise eine braune Farbe von mattem Glanz, während er früher Goldgelb oder Blaßrot in verschiedenen Abstufungen, aber immer glänzend und feurig, angewendet hatte. Es gibt allerdings viele, die gerade den »letzten« Lack des Meisters zwar nicht für den schönsten, aber doch für den besten halten. — Wenn man die Tätigkeit Stradivaris überblickt und auch davon ausgeht, daß Kunstwerke nicht auf wissenschaftlichem Wege hervorzu bringen sind, so muß man doch bezweifeln, daß er zu seinen Ergebnissen rein empirisch gekommen sei und sich lediglich von Erfahrungstat- sachen und Schönheitsgefühl leiten ließ. Die Geigenmacher in Cremona wurden als Künstler von ihren Zeitgenossen betrachtet, die Söhne vornehmer Familien wendeten sich dieser Kunst zu, und gewisse, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende, geheimgehaltene Werkstattraditionen hat es zweifellos gegeben, die einem gebildeten und denkenden Künstler die Richtung für seine Versuche wiesen. Nur dadurch wird es erklärlich, daß es den neueren Geigenmachern, unter denen doch gewiß viele künstlerisch hochbegabte Meister waren oder sind, denen weder Erfahrung und Verständnis noch Schönheitssinn fehlte, noch nie gelang, eine Geige herzustellen, die einer tadellosen Stradivari wirklich gleichkäme. Es sind ihnen Kopien gelungen, die bis in die letzte Kleinigkeit von bewunderungswürdiger Treue waren, — aber die eigentliche Seele fehlte doch. Bei dem heutigen Stande der Kunst des Geigenmachens ist es aber immer noch das Sicherste, so getreu als möglich zu kopieren. Stradivari nahm zur Decke das leichteste, klarjährigste Holz. Die Wölbung bildete der Fuge entlang eine sog. Kettenlinie, wie auch die Querprofile der Decke Kettenlinien bilden. Die Deckenstärke beträgt in den Backen 2 1/2 mm, an der Stelle des Stegs (in der Brust) 4 mm. Der Durchmesser des kleinen Schallkreises mißt 40 mm; sein Mittelpunkt befindet sich in der Fuge unter dem Steg; 3,5 mm davon entfernt nach oben ist der Mittelpunkt des großen Schallovals, das 95 mm lang und 70 mm breit ist. In diesem Oval ist die Decke 3 1/2 mm stark. Zum Boden nahm er schönsten Ahorn, nach dem Spiegel gespalten; die Brusthöhe betrug bei ihm wie bei der Decke 14 bis 15 mm. Die Stärke des Bodens schwankt oft und geht bis zu 6 mm. Die Zargen sind so hoch als die Wölbung von Boden und Decke zusammen, also 30 mm, so daß die Gesamthöhe 60 mm beträgt. Dieses Maß suchte er jedenfalls immer zu erreichen, denn wenn er die Wölbung etwas flacher nahm, machte er die Zargen um das Fehlende höher 1). Die Höhen der Oberzargen verringerte er um 2 1/2 mm; Riechers meint, um der Decke eine Spannung zu verleihen und dem Halse den nötigen Widerstand zu gewähren; wahrscheinlicher ist, daß er es nur tat, um der kleineren Luftkammer ein entsprechend geringeres Volumen zu verschaffen. Dem Inneren wandte er die gleiche Sorgfalt zu wie dem Äußeren, vielleicht sogar noch mehr; es wird daher auch kein Zufall sein, daß er die Klötze aus leichtem Weidenholz machte. Der Baßbalken ist schwach und hat den Anforderungen, die zu den Zeiten des Meisters an eine Geige gestellt wurden, auf das beste entsprochen, muß aber freilich heutzutage durch einen stärkeren ersetzt werden. Die F-Löcher, deren untere Lappen stets ausgestochen erscheinen, sind in ihrem edlen Schwung unübertrefflich; die Hohlkehle ist 4 mm vom Rand entfernt und flach. Die Schnecke ist voll in der Form und nicht mehr so tief ausgestochen wie in der zweiten Periode. Am Boden befindet sich oben und unten ein Ahornstift, der zur Hälfte in die Einlage gebohrt ist, um den Boden auf die Form zu heften. Der goldgelbe Grundlack ist mit einem hellroten Lack überzogen und wirkt jetzt etwas bräunlich. Er ist von schönstem Feuer, weich und elastisch und hat die Eigentümlichkeit, daß er heute noch, wenn man den Finger länger darauf ruhen läßt, den Eindruck der Hautlinien zeigt. Das Gesamtgewicht einer Stradivari- violine beträgt ohne Wirbel, Griffbrett und Saitenhalter 260—275 g. In der Hauptsache zeichnet sich das Modell durch die Verbreiterung des unteren Teiles und eine relative Verengerung des mittleren Teiles aus, was dem Ganzen ein elegantes Aussehen verleiht. Die Umrisse sind am Ansatz des Halses und beim Saitenhalter nur wenig gekrümmt und scheinen in der Mitte der ) ( fast ganz gerade; die Ecken sind vorspringend und breit. Die F-Löcher, die ihre Abstammung von Amati noch erkennen lassen, sind klein und fein geschnitten und stehen etwas geneigt, um den Raum zwischen den oberen runden Enden zu verringern. Diese Beschreibung kann aber, wie gesagt, nur in der Hauptsache stimmen, denn im einzelnen gestattete er sich noch immer kleine Abweichungen, die wohl durch die Eigenschaften des ihm jeweils zu Gebote stehenden Materials veranlaßt und diesem angepaßt wurden. Stradivari entwickelte eine unglaubliche Fruchtbarkeit; aber selbst wenn er jede Woche nur eine Geige fertiggebracht hätte, so gibt das bei seiner sechzigjährigen Arbeitsdauer immerhin etwa 3000 Geigen. Er erhielt für eine Geige 10—15 Zechinen oder 5—8 Pistolen, was aber bei der damaligen Kaufkraft des Geldes schon einen ziemlich hohen Preis darstellt 2). Es ist daher one of two readings
2etwa 35,8 cm lang. Die obere Breite beträgt 16,8, zwischen den ) (11,4 und die untere Breite 20,9 cm. Der Boden ist in den Backen schwach gehalten. Die dritte Periode beginnt nach 1695, erreicht ihren Höhepunkt 1714 und währt bis 1720. Es ist dies die eigentliche Glanzzeit des Meisters; jetzt hat er gefunden, was ihm vorgeschwebt hatte. Er ist über seinen Vorarbeiten und Studien ein Fünfziger geworden, seine eigenste Schöpfung, das charakteristische, in jeder Beziehung vollkommene Stradivari-Modell, war jetzt fertig, und von nun an weichen seine Arbeiten in den Hauptsachen nur wenig voneinander ab. Als nach 1720 die Sicherheit der Hand etwas nachläßt, will er durch einen neuen Versuch seine Arbeiten auf der alten Höhe erhalten, und er schafft das sog. große Stradivari-Modell. Es ist das die kurze Zeit der Nachblüte, dann aber macht sich das Greisenalter doch mehr und mehr fühlbar, er macht die Wölbung ohne sichtbaren Grund spitzer, die Geigen klingen weniger klar, selbst der Lack ist nicht mehr so schön wie früher und zeigt jetzt vorzugsweise eine braune Farbe von mattem Glanz, während er früher Goldgelb oder Blaßrot in verschiedenen Abstufungen, aber immer glänzend und feurig, angewendet hatte. Es gibt allerdings viele, die gerade den »letzten« Lack des Meisters zwar nicht für den schönsten, aber doch für den besten halten. — Wenn man die Tätigkeit Stradivaris überblickt und auch davon ausgeht, daß Kunstwerke nicht auf wissenschaftlichem Wege hervorzu bringen sind, so muß man doch bezweifeln, daß er zu seinen Ergebnissen rein empirisch gekommen sei und sich lediglich von Erfahrungstat- sachen und Schönheitsgefühl leiten ließ. Die Geigenmacher in Cremona wurden als Künstler von ihren Zeitgenossen betrachtet, die Söhne vornehmer Familien wendeten sich dieser Kunst zu, und gewisse, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende, geheimgehaltene Werkstattraditionen hat es zweifellos gegeben, die einem gebildeten und denkenden Künstler die Richtung für seine Versuche wiesen. Nur dadurch wird es erklärlich, daß es den neueren Geigenmachern, unter denen doch gewiß viele künstlerisch hochbegabte Meister waren oder sind, denen weder Erfahrung und Verständnis noch Schönheitssinn fehlte, noch nie gelang, eine Geige herzustellen, die einer tadellosen Stradivari wirklich gleichkäme. Es sind ihnen Kopien gelungen, die bis in die letzte Kleinigkeit von bewunderungswürdiger Treue waren, — aber die eigentliche Seele fehlte doch. Bei dem heutigen Stande der Kunst des Geigenmachens ist es aber immer noch das Sicherste, so getreu als möglich zu kopieren. Stradivari nahm zur Decke das leichteste, klarjährigste Holz. Die Wölbung bildete der Fuge entlang eine sog. Kettenlinie, wie auch die Querprofile der Decke Kettenlinien bilden. Die Deckenstärke beträgt in den Backen 2 1/2 mm, an der Stelle des Stegs (in der Brust) 4 mm. Der Durchmesser des kleinen Schallkreises mißt 40 mm; sein Mittelpunkt befindet sich in der Fuge unter dem Steg; 3,5 mm davon entfernt nach oben ist der Mittelpunkt des großen Schallovals, das 95 mm lang und 70 mm breit ist. In diesem Oval ist die Decke 3 1/2 mm stark. Zum Boden nahm er schönsten Ahorn, nach dem Spiegel gespalten; die Brusthöhe betrug bei ihm wie bei der Decke 14 bis 15 mm. Die Stärke des Bodens schwankt oft und geht bis zu 6 mm. Die Zargen sind so hoch als die Wölbung von Boden und Decke zusammen, also 30 mm, so daß die Gesamthöhe 60 mm beträgt. Dieses Maß suchte er jedenfalls immer zu erreichen, denn wenn er die Wölbung etwas flacher nahm, machte er die Zargen um das Fehlende höher 1). Die Höhen der Oberzargen ver- ringerte er um 2 1/2 mm; Riechers meint, um der Decke eine Spannung zu verleihen und dem Halse den nötigen Widerstand zu gewähren; wahrscheinlicher ist, daß er es nur tat, um der kleineren Luftkammer ein entsprechen geringeres Volumen zu verschaffen. Dem Inneren wandte er die gleiche Sorgfalt zu wie dem Äußeren, vielleicht sogar noch mehr; es wird daher auch kein Zufall sein, daß er die Klötze aus leichtem Weidenholz machte. Der Baßbalken ist schwach und hat den Anforderungen, die zu den Zeiten des Meisters an eine Geige gestellt wurden, auf das beste entsprochen, muß aber freilich heutzutage durch einen stärkeren ersetzt werden. Die F-Löcher, deren untere Lappen stets ausgestochen erscheinen, sind in ihrem edlen Schwung unübertrefflich; die Hohlkehle ist 4 mm vom Rand entfernt und flach. Die Schnecke ist voll in der Form und nicht mehr so tief ausgestochen wie in der zweiten Periode. Am Boden befindet sich oben und unten ein Ahornstift, der zur Hälfte in die Einlage gebohrt ist, um den Boden auf die Form zu heften. Der goldgelbe Grundlack ist mit einem hellroten Lack überzogen und wirkt jetzt etwas bräunlich. Er ist von schönstem Feuer, weich und elastisch und hat die Eigentümlichkeit, daß er heute noch, wenn man den Finger länger darauf ruhen läßt, den Eindruck der Hautlinien zeigt. Das Gesamtgewicht einer Stradivari- violine beträgt ohne Wirbel, Griffbrett und Saitenhalter 260—275 g. In der Hauptsache zeichnet sich das Modell durch die Verbreiterung des unteren Teiles und eine relative Verengerung des mittleren Teiles aus, was dem Ganzen ein elegantes Aussehen verleiht. Die Umrisse sind am Ansatz des Halses und beim Saitenhalter nur wenig gekrümmt und scheinen in der Mitte der ) ( fast ganz gerade; die Ecken sind vorspringend und breit. Die F-Löcher, die ihre Abstammung von Amati noch erkennen lassen, sind klein und fein geschnitten und stehen etwas geneigt, um den Raum zwischen den oberen runden Enden zu verringern. Diese Beschrei- bung kann aber, wie gesagt, nur in der Hauptsache stimmen, denn im einzelnen gestattete er sich noch immer kleine Abweichungen, die wohl durch die Eigen- schaften des ihm jeweils zu Gebote stehenden Materials veranlaßt und diesem angepaßt wurden. Stradivari ent- wickelte eine unglaubliche Fruchtbarkeit; aber selbst wenn er jede Woche nur eine Geige fertiggebracht hätte, so gibt das bei seiner sechzigjährigen Arbeits- dauer immerhin etwa 3000 Geigen. Er erhielt für eine Geige 10—15 Zechinen oder 5—8 Pistolen, was aber bei der damaligen Kaufkraft des Geldes schon einen ziemlich hohen Preis darstellt 2). Es ist daher one of two readings
41) War die Decke höher, dann nahm er den Boden flacher, um die Gesamthöhe von 60 mm zu erreichen.
52) Sechzig Jahre nach seinem Tode hatte sich der Wert einer Stradivari-violine bereits verdreifacht. Im Jahre 1824 zahlte Habeneck 2400 Frs., und allmählich stiegen die Preise weiter bis 5000 Frs. Gegen 1870 schnellten die Preise wesentlich in die Höhe. 1875 wurde eine Stradivarius von 1714 für 7900 Frs., eine von 1716 für 15 000 Frs. one of two readings
62) Sechzig Jahre nach seinem Tode hatte sich der Wert einer Stradivari-violine bereits verdreifacht. Im Jahre 1824 zahlte Habeneck 2400 Frs., und allmählich stiegen die Preise weiter bis 5000 Frs. Gegen 1870 schnellten die Preise wesentlich in die Höhe. 1875 wurde eine Stradi- varius von 1714 für 7900 Frs., eine von 1716 für 15 000 Frs. one of two readings
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