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Scan 207
Die violine und ihre meister, 1904
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1bevorzugte als junger Mann Rousseau besonders. Damit zusammenhängend bewies er eine außerordentliche Liebe zur Natur und für das Landleben. Ein Schmetterling, eine Blume, eine Frucht konnte ihn immer aufs neue entzücken 1).
3Viotti ist unter den Italienern als der letzte, wahrhaft große Repräsentant des klassischen Violinspiels zu bezeichnen. Im Besitze einer virtuos gebildeten Technik, hat er in seinem künstlerischen Wirken doch nichts mit jenem absoluten Virtuosentum gemein, welches, die ideale Bedeutung der Kunst verkennend, das Mittel für den Zweck substituiert. Hierüber gibt ein Blick auf seine Kompositionen unzweifelhaften Aufschluß. Dieselben tragen, soweit sie nicht durch ihren veralteten Duktus oder durch geringen Gehalt dem Geschick der Vergänglichkeit anheimgefallen sind, den Stempel echten, gediegenen Musikertums. Offenbar galt das Streben ihres Autors vorzugsweise dem Geistigen, Idealen in der Kunst, — ein Standpunkt, welcher den Vertretern des reinen Virtuosentums völlig fremd ist. Es ist freilich ein nur verhältnismäßig kleiner Teil von Viottis Violin-Kompositionen für die Nachwelt übrig geblieben, aber dieser steht in seiner Trefflichkeit und Tüchtigkeit als ein rühmliches und unvergängliches Denkmal seiner künstlerischen Gesinnung und Tatkraft da. Der Meister hat, wie wenige, die Violine als Gesangsinstrument zu behandeln gewußt. Seine melodischen Motive tragen bei aller Einfachheit einen sinnig naiven, anmutig edlen, bisweilen von einem vornehmen Gefühlspathos durchleuchteten Zug. Zugleich befreit er die Violin-Komposition vollständig von den Traditionen des Kirchenstils, der sich inzwischen in dem Maße, als die Kunst mehr und mehr ins öffentliche Leben trat, allmählich in ein rein konventionelles Wesen verloren hatte. Seine Musik offenbart durchweg einen entschieden freien, sozusagen weltlichen Charakter, sowohl in der Kantilene wie in den feurig belebten, glanzvollen, nie die Grenzen des Schönen überschreitenden Passagen und Figuren.
5Als Lehrmeister für sein Instrument war Viotti hauptsächlich während des Pariser Aufenthaltes tätig; er war es, der dem französischen
71) Viele andere interessante Einzelzüge findet der Leser in dem mehrfach zitierten Werke „Viotti et l'école moderne de Violon“ von A. Pougin.
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