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Scan 73
Die Violine und ihre Meister, 1910
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1ist, und dies gilt sogar noch einigermaßen für die unmittelbar an Corelli anschließende Periode. Tatsächlich müsste die Darstellung nach Ausscheidung der Lauten-, Klavier- und Orgelmusik sowie der weniger wichtigen Literatur für einige andere Instrumente (Gambe, Violoncello, einige Blasinstrumente) die gesamte gewaltige instrumentale Produktion vom Ausgang des 16. bis ins 18. Jahrhundert hinein umfassen, somit den Kreis monographischer Betrachtung verlassend auf das Meer der großen Musikgeschichte sich verirren. Die Violine war eben mit ihrer Erfindung noch keineswegs entdeckt, sondern man schob ihr einfach zunächst die höchste Stimme zu, und ehe sich etwas, das im engeren Sinne Violinliteratur genannt werden kann, entwickelte und loslöste, verstrich geraume Zeit.
3Die Anzahl italienischer Instrumentalkomponisten des 17. und 18. Jahrhunderts ist nicht nur eine außerordentlich große, sondern im allgemeinen kann man auch von jedem Tonsezer jener Zeit, der für Violine geschrieben hat, annehmen, daß er selbst Violinspieler war, denn die Entwicklung der modernen Musik hat erst allmählich eine Lockerung dieses natürlichen Verhältnisses, welches uns heute fast als Anomalie erscheint, herbeigeführt. Aber es hieße Maß und Ziel verlieren, daraufhin diese Blätter mit Legionen verstorbener Fiedler bevölkern zu wollen. In seiner verdienstlichen, nur gelegentlich etwas zu national gefärbten sowie im Lobe etwas überschwänglichen Arbeit über die italienische Instrumentalmusik des 16. bis 18. Jahrhunderts zählt Luigi Torchi¹ gegen 150 Tonsezer für Streichinstrumente auf, ungerechnet also die wahrscheinlich ebenso
5¹ Luigi Torchi: La musica istromentale in Italia nei secoli XVI, XVII e XVIII. Rivista musicale Italiana. Band 4—8. (1897 ff.) Eine Art musikalischer Beilage zu diesem Aufsatz hat Torchi 1897 in London bei Boosey & Co. erscheinen lassen. Ihr Titel ist: „A Collection of pieces for the Violin composed by Italian masters of the XVII. and XVIII. centuries, harmonised and arranged with pianoforte accompaniment by Luigi Torchi.“ Die Sammlung enthält 12 Sätze. Ausser bekannten Meistern wie Tartini und F. M. Veracini sind darin auch wenig bekannte wie Pesenti, Vento, Cirri berücksichtigt. Es wäre nur zu wünschen, man erhielte mehr als derartige Kostproben, wenngleich auch sie dankenswert sind. Der Zustand, daß man die weitaus überwiegende Menge alter Musik nur unter den größten Unbequemlichkeiten zu Gesicht bekommen kann — vom Hören ganz zu schweigen, — wird je länger, desto unerträglicher. Im Gebiete der bildenden Kunst duldet ihn kein Mensch, und Museumsbauten kosten wahrhaftig mehr als der Neudruck alter Notenhefte.
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