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Scan 400
Musik-Lexikon, 1884
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1Guido von Châlis — Guidonische Hand.
3biss doch nicht gethan zu haben, da aus den Notizen verschiedener Annalisten hervorgeht, daß G. 1029 Prior des Kamalbusenjerklosters Avellano wurde. Das größte Verdienst Guidos und unbestreitig eins von solcher Bedeutung, wie ihrer nur wenige in der Geschichte der Musiklehre zu verzeichnen sind, ist die Erfindung des noch heute in der selben Weise üblichen Gebrauchs der Notenlinien. Allerdings hat G. nicht so mit einem Mal das vollendet Notensystem erfunden; er fand die Elemente desselben vor und ließ auch den nachfolgenden Generationen noch viel zu thun übrig. Der Gebrauch einer und auch zweier Linien (der f-Linie und c-Linie) reicht bis ins Ende des 10. Jahrh., die Zeit vor Guidos Geburt, zurück; die Unsicherheit der Tonhöhebedeutung der Neumen (s. d.) schwand aber tatsächlich erst, als G. vier Linien einführte. Er behielt die rote f-Linie und gelbe c-Linie bei, fügte aber zwischen beiden eine schwarze für a ein, die fehlenden Töne fielen dann auf die Zwischenräume; je nach dem Umfang des zu notierenden Gesangs wurde oben oder unten eine weitere Linie hinzugenommen:
5(o) o f c
6(a) f o c
7f (d) o c
9Die eingeschobene f-Linie bedeutete das eingeschriebene f, die eingeschobene o-Linie das kleine c. Man gefällt sich seit einiger Zeit darin, G. alle Erfindungen abzusprechen, wie man ihm ehedem alles und jedes, auch die Erfindung des Klaviers, ja der Musik überhaupt zusprach. Seine Verbesserung der Notenschrift ist unbestreitbar; die Mensuralnote (s. d.) hat er freilich nicht erfunden, sondern setzte auf sein Linienystem entweder die (viel älteren) Tonbuchstaben selbst (so in seinen Traktaten) oder Neumen. Die Erfindung der Solmisation (s. d.) ist ihm gleichfalls abgesprochen worden; durch seinen Brief an den Mönch Michael ist aber verbürgt, daß er sich des Versus memorialis »Ut queant laxis etc.« bediente, um die Intervalldarstellungen eines zu studierenden Gesangs klar zu machen; es liegt kein Grund vor, zu bezweifeln, daß er dieselbe auch auf die transponierte Skala von f aus (mit b) anwandte. Eine Erfindung von solcher Bedeutung wie die der Lehre von der Transposition (Mutation) würde ihren Schöpfer ebenso berühmt gemacht haben wie G., wenn nicht dieser selbst es gewesen wäre. Bereits der nicht viel über ein halbes Jahrhundert nach G. blühende Johannes Cotto schreibt G. sowohl die Mutation als die »harmonische Hand« (s. Guidonische Hand) zu. Ganz bestimmt hat dagegen G. nicht daran gedacht, die Buchstabennamen der Töne durch die Silbennamen ut re mi etc. zu ersetzen. Das war zweifellos erst eine Folge der allgemeinen Gewöhnung an die Mutation. Guidos Schriften sind: »Micrologus de disciplina artis musicae« (nebst einem der Vortrede vorausgeschickten Brief an den Bischof von Arezzo); »Regulae de ignoto cantu« (Prolog zu Guidos mit Linien notiertem Antiphonar); »Epistola Michaeli Monacho de ignoto cantu directa« (samtlich abgedruckt bei Gerbert, »Script.«, II, 2—50). Nicht echt, aber nur wenig jünger als G. sind wahrscheinlich die »Musicae Guidonis regulae rhythmicae«, der »Tractatus correctorius multorum errorum, qui fluent in canto Gregoriano« und »Quomodo de arithmetica procedit musica« (das.). Monographien über G. schrieben Angeloni, Ristori, Riesewetter u. a.
11Guido von Châlis (de Caroli loco), s. Gui de Châlis.
13Guidonische Hand (harmonische Hand), ein mechanisches Hilfsmittel für die Schüler der Solmisation (s. d.), das darin bestand, daß jedem Fingerge lenk und auch den Spitzen der Finger die Bedeutung eines der 20 Töne des hermaligen Systems von Γ (Gamma, unserm großen G) bis ο (unserm ο", vgl. Buchstaben-tonschrift) beigelegt wurde, von denen der 20. (ο) über der Spitze des Mittelfingers schwebend gebacht wurde (er kam selten vor). Hatten die Schüler die Hand inne, so konnten sie im vollen Sinn des Wortes die Intervalle und Skalen an den Fingern abzählen. Vgl. Guido von Arezzo.
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