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Scan 473
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1875
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1Hannover. Nicht nur, dass eigens für ihn die Stelle eines königl. Concertdirektors geschaffen wurde, sondern er erfreute sich auch im höchsten Maasse der Gunst des Königs, und es wurden ihm die ausgedehntesten Ferien contractlich zugesichert, die er auch fleissig zu Triumphreisen durch fast ganz Europa benutzte. Seine dienstliche Thätigkeit in Hannover fand 1866 nach Besitznahme dieses Landes durch Preussen ihren Abschluss. Er siedelte, ohne seine Concertreisen, besonders nach England, zu vernachlässigen, nach Berlin über, wo sich ihm 1869 durch Berufung in den Senat der königl. Akademie der Künste, unter Verleihung des Titels eines königl. Professors, und bald darauf durch die ehrenvolle Anstellung als Direktor der neu gegründeten königl. akademischen Hochschule der Musik ein ungeahnt fruchtbringendes Feld der Thätigkeit eröffnete. Von kleinlichem Neide vielfach angefochten, hat er auch in diesem Amte als Lehrer seines Instruments sowie als Schöpfer und feinsinniger Leiter eines Orchesters und Chors unbeirrt bewiesen, mit welchem ausserordentlichen Geschick er für die hohen Zwecke seiner von ihm heilig gehaltenen Kunst segensreich zu wirken weiss. Auch als Dirigent grosser Musikfeste ist er seitdem häufig berufen worden, und 1875 fungirte er innerhalb weniger Wochen höchst ehrenvoll auf dem Niederrheinischen Musikfeste zu Düsseldorf und auf dem ersten Schleswig-Holstein'schen Musikfest zu Kiel in dieser Eigenschaft.
3J. hat dem Publikum und der musikalischen Presse mit seinen häufigen, auch jetzt noch nicht eingestellten Triumphzügen durch die europäischen Concertsäle vielfachste Gelegenheit zur Beurtheilung seiner Künstlerindividualität gegeben, und diese ist in ausgedehntestem Maasse wahrgenommen und anerkannt worden, da sich Niemand dem bestrickenden, ächt künstlerischen Eindruck zu entziehen vermag, den J.'s Violinspiel durch unfehlbare Technik der Finger und des Bogens, durch feinstes Verständniss aller Musikgattungen und den denkbar vollendetsten Vortrag hervorbringt. J. hat aber auch, was die meisten Virtuosen der Gegenwart nicht besitzen, seinen eigenen Styl. Ein Violinconcert von Victti, Rode oder Spohr z. B., welches von Anderen gespielt, wenig Interesse mehr erregen würde, wird durch seine Vortragsweise, welche selbst unbedeutendere Compositionen über ihren eigentlichen Werth hinaufhebt, zum Hochgenuss; wirklich musikalisch werthlose Stücke spielt er nur äusserst selten. Als Interpret gediegener Musik für sein Instrument von Seb. Bach an bis Mendelssohn wird er im Einzelnen kaum von einem, im Ganzen von keinem anderen Virtuosen erreicht und noch lange jedem deutschen Violinspieler als verkörpertes Ideal ächt künstlerischen Strebens erscheinen. Kein grosser Componist hat bis jetzt gelebt, welcher nicht auch ein Instrument gespielt hätte. Umgekehrt ist wohl auch anzunehmen, dass jeder wahrhaft bedeutende Virtuose durch den immerwährenden geistigen Verkehr mit den grossen Meistern der Tonkunst von edlem Schaffenstrieb erfüllt sein müsse. J. hat bewiesen, dass er neben vortrefflichen Compositionen, unter denen sein edles, frisches und charakteristisches »Concert in ungarischer Weise« obenan steht, auch geistvolle, wohl componirte Orchesterwerke zu schreiben versteht. Bei seiner, nur die classische Reinheit der Tonkunst im Auge behaltenden Richtung ist in Lehre und Composition seine Abneigung gegen die neueste Musikrichtung erklärlich.
5Vermählt ist J. seit dem 10. Juni 1863 mit Amalie J., geborene Weiss, welche er als ausgezeichnete Altsängerin der Hofbühne zu Hannover kennengelernte. Ihre ausserordentliche stimmliche Begabung hat auch nach ihrem Rücktritt vom Theater nicht verfehlt, geschätzt und hochgepriesen zu werden, ja sie verkörpert gegenwärtig im Gesang vollständig und in glücklichster Ergänzung denselben Styl, welchen ihr Gatte so mustergültig repräsentirt. Als Lieder- und Oratoriensängerin gilt sie daher für unübertrefflich und ist für die Solostimme in grossen Concertwerken eine weithin und vorzugsweise be- rufene künstlerische Kraft von hoher Bedeutung.
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