Books › Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften für Gebildete aller Stände, 1880 › scan 373
Scan 373
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften für Gebildete aller Stände, 1880
2 lines. Read by computer on 16 September 2026. No printed page number was found. See the scan on archive.org.
1auf der einen Seite hat der Gesang als nächsten Verwandten die Instrumentalmusik, auf der anderen Seite die Declamation. Von einer Violin-Cantilene z. B. unterscheidet sich also der Gesang durch die stete Beziehung auf einen der Melodie zu Grunde liegenden Text und die in diesem Text sich bestimmt aussprechende Gefühlsstimmung; von einer Declamation dadurch, dass der A. der Worte nicht in ungebundenem, sondern in musikalisch gebundenem Rhythmus, nicht in ungeregeltem Auf- und Niederwogen der Töne, sondern in musikalisch reinen Intervallen zur Erscheinung kommen soll. Der richtige und lebendige musikalische A. der Rede hat demnach als das eigentliche Wesen der Gesangskunst zu gelten. Zum musikalischen A. gehört somit auch die gute Intonation, die Schönheit des Klanges, der correcte Vortrag, die deutliche Aussprache, der sinnvolle Wechsel von forte und piano, von hell und dunkel; denn alles dies sind Momente, die theils im Begriff des Musikalischen, theils in dem des A. liegen, und in dem Worte: musikalischer A. der Rede sind sie alle zusammengefasst. Zu diesem wahren Geheimniss aller bedeutenden Gesangswirkungen gelangen wir nun theils durch Verständniss und Gefühl für den darzustellenden Gegenstand, theils durch umfassende Technik, theils durch Uebertragung des mit dem Verstande und Gefühl Ergriffenen in die sinnliche Erscheinung des Tones. Das Erste und Wichtigste ist das Verständniss und Gefühl, und zwar in poetischer und musikalischer Beziehung. Der wahre Sänger muss sich mit der Stimmung des vorzutragenden Gedichtes, mit dem Charakter der darzustellenden Rolle, der dramatischen Situation innerlich vertraut zu machen wissen. Ist seine Phantasie unfähig, sich vorzustellen, wie diese Stimmung sich in Tönen ausdrücken würde, drängt es ihn nicht dazu, dem innerlichen Bilde eine äussere tönende Gestalt zu geben, so hat er keinen wahren Sängerberuf; aber er prüfe sich, bevor er daran verzweifelt, ob nicht die Scheu, sich äusserlich ganz so zu geben, wie er es innerlich etwa als das Richtige fühlt, einen Theil der Schuld trägt; diese Scheu kann überwunden werden. Nun kommt aber die zweite Seite. Die Vorstellung, die man sich nach dem Gedicht allein über den Vortrag gemacht hat, kann möglicherweise richtig und einer bestimmten Composition gegenüber, welche man auszuführen sich vorgenommen hat, dennoch falsch sein. Denn es kann ein und dasselbe Gedicht nach verschiedenen Seiten hin gewendet, gedeutet und ergänzt werden; und darauf eben beruhen grossentheils die oft so verschiedenen musikalischen Auffassungen eines und desselben Textes. Wir führen als Beispiele zwei sehr oft componirte Gedichte von Goethe, den »Erlkönig« und »Kennst du das Land«, an. In der sinnlichen Darstellung des Erlkönigs kann mehr das Geisterhafte, Menschenfeindliche oder es kann der verlockende Schein mehr hervortreten; die erstere Auffassung finden wir bei Löwe, der den Geisterkönig in den blossen Drei-klangs-Intervallen sich bewegen lässt und damit den Eindruck eines elementaren, der freien Menschlichkeit noch nicht geöffneten Wesens hervorbringt, die letztere bei Schubert, der ihm die einschmeichelndsten Melodien verleiht. Es würde verkehrt sein, wenn ein Sänger den Schubert'schen Erlkönig mit der Auffassung des Löwe'schen singen wollte, und umgekehrt; er muss sich vielmehr der Deutung, welche das Gedicht in der Phantasie des Componisten gefunden hat, anzuschmiegen wissen, selbst dann, wenn diese Dentung nicht eine ganz richtige sein sollte. Zum vollen Gesangsausdruck ist es also erforderlich, dass sich der Sänger in die rein musikalische Stimmung einer Composition hineinzufinden und dieselbe, ohne Rücksicht auf die Worte und selbst ohne Worte, mit derselben Wärme vorzutragen wisse, wie ein Violin-Virtuose eine Violin-Cantilene. Es ist insofern eine gute Studie, Arien und Lieder zuweilen ohne Text zu singen, damit man sich ganz in den musikalischen Geist eines Tonstückes versenken lerne. Auf eben denselben Zweck wirkt das Studium melodiöser, von musikalischer Empfindung durchhauchter Solfeggien, z. B. der Concone'schen und Bordogni'schen, hin; der Sänger übt an ihnen am sichersten den rein musikalischen Vortrag. Für die blosse Technik sind kurze Uebungen, wie sie Garcia in seiner Gesangschule aufgestellt hat, vorzuziehen; wenn dieser berühmte Gesangsmeister aber Solfeggien überhaupt für nutzlos erklärt, so hat er ihren fördernden Einfluss auf den rein musikalischen Vortrag, der uns die Hauptsache dabei ist, übersehen. Wie es der Anfänger zu machen hat, um in die rein musikalische Empfindung eines Tonstückes
The computer misreads some letters and numbers. Where a name matters to you, read the scan.