Scan 95
Beiträge zur Geschichte der Violinsonate im 18. Jahrhundert, 1911
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1Stimme seiner Duos ganz untergeordnet, nur als Füllstimme bezw. Baß. Biber ist das polyphone, nicht das monodisch-melodische Prinzip maßgebend: er läßt z. B. im 1. Satze häufig auch die „erste Geige“ pausieren. Bei Stamitz tritt die zweite Stimme selten überhaupt merklich heraus und hat alle Eigenschaften eines gänzlich untergeordneten Basses, z. B. in Divertimento I°, 2. Satz spielt sie veritable „Trommelbässe“. Es sind mehr die gutklingenden Intervalle Terz und Sexte, die in Stamitzens zweite Stimme Leben bringen. Das II. Divertimento ordnet drei Sätze nach Art des Konzertes an: Allegro-Andante-Allegro. Bunter ist die Ordnung des I. Divertimento: Andante-Allegro-Minuetto-Fuga. Der zweite und vierte Satz scheint Bachsche Anregungen zu verarbeiten; gerade die Fugenform legt solche Gedanken nahe, denn für sie bewies das spätere 18. Jahrhundert sonst wenig Vorliebe. Aus der geringen Zahl von Werken für Violine allein, die nach Stamitz sich ihrer Pflege annahmen, wurden oben solche von W. Pichl, Campagnoli etc. genannt. Ihre Verwendung in den Divertimenti macht auch die Autorschaft des Vaters Stamitz’ wahrscheinlicher; mit absoluter Sicherheit läßt sie sich indes weder hier, noch bei den Solosonaten op. 6 feststellen¹). Jedenfalls bleibt die Frage offen, ob nicht der eifrigste Duettkomponist der Mannheimer Schule, Karl Stamitz die Duette für eine Geige als sein Eigentum beanspruchen kann. Bei aller Geschicklichkeit in der Behandlung des Instrumentes sind dieselben im Ton doch etwas weich und wenig abwechslungsreich, für Konzertaufführungen also kaum geeignet. Dagegen bilden sie sicher eine treffliche Bereicherung der Hausmusik, und dürften in diesem Rahmen, namentlich das mozartisch intime Menuett in seiner überquellenden Wärme der Empfindung, noch reichlich ihre Wirkung tun. Die Idee des Duetts für eine Geige wird in der folgenden Zeit unter anderem von dem beliebten Duettkomponisten Ant. Bart. Bruni, einem Schüler Gaet. Pugnanis, wieder aufgegriffen (vgl. Witting C., die Kunst des Violinspiels, Bd. VI, 6 Duos für Violine allein).
3Mit dem Aufgehen der Triosonate in Duett und Streichtrio war zwar der gefährlichste Rivale der Solosonate aus der Welt geschafft, aber zwei neue waren an seine Stelle getreten. Die Sonderstellung, welche die Klaviersonate mit Geigenbegleitung trotzdem als Solokomposition für sich beanspruchen konnte, raubte sie sich selbst, indem sie aus ihrem eigenen Schoße eine neue Kunstgattung, das Klaviertrio, gebar, das ihr im Anfange seiner Laufbahn im höchsten Grade ähnelt und gewöhnlich mit ihr verwechselt wird, ehe es durch Emanzipation seiner Violoncellstimme unter Mozart sich zur Ensemblemusik bekennt.
5Von dem Mitbegründer der Mannheimer Schule und Kollegen Johann Stamitz’, Franz Xaver Richter, kennt man ein Werk:
7¹) Kade (Kat. d. Bibl. Schwerin, Wismar 1893) schreibt die Divertimenti dem älteren Stamitz zu.
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