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Scan 8
Der Geigenbau in Italien und sein deutscher Ursprung : eine historische Skizze, 1875
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1vorwiegend nur Violen der alten Art. Gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhundertes tritt der Geigenbau in Brescia unter Gaspar da Salo wieder in den Vordergrund und fäst der selbe auch in Cremona durch Andrea Amati feste Wurzel, welcher der Stammvater einer vier Generationen hindurch blühenden, hochbedeutenden Geigenbauersfamilie wird.
3Brescia hält in den Grundzügen der Bauart und in der äußeren Ausstattung an der von Duiffsopruigar gegebenen Richtung fest, Cremona aber, wie wohl ebenfalls von derselben ausgehend, schlägt unter den Amati, namentlich unter des Andreas Söhnen Antonius und Hieronymus und unter des letzteren Sohn Nicolaus — (geb. 1596 † 1684) — eine selbständige Bahn ein. Die Formen veredeln sich, mitunter verkleinert sich auch das Format beträchtlich; die Decken erhalten etwas mehr Wölbung, und zugleich entfallen die rein äußerlichen Verzierungen, wogegen der Wahl des Holzes und dem Firma eine besondere Aufmerksamkeit zugewendet wird. Den Ton zeichnet mehr Lieblichkeit als Größe aus. Der durch die Amati vollgezogenen Reform ver- mochten die übrigen Geigenbauer nicht fern zu bleiben; mehr oder weniger werden sie sämtlich in dieselbe hineingezogen. Cremona ist von nun an unbestritten der Vorort und die hohe Schule des Geigenbaues. Selbst Brescia streift all- mäßig seine Eigenthümlichkeit ab, und der Letzte, welcher diese Stadt ehrenvoll vertritt, Johann Bapt. Ruger aus Bologna, ist in der Schule der Amati gebildet worden.
5Noch aber war das Ideal der Geige nicht gefunden. Das blieb erst Antonio Stradi- vari, einem, wie die Amati, aus angesehenem Geschlechte entsprossenen Sohne Cremonas vor- behalten. Ein Schüler des Nicolaus Amati, folgte er Anfangs dessen Richtung, warf sich aber bald in dem Streben nach dem Vollkom- mensten auf Neuerungen, die er bis über die erste Hälfte seines langen Lebens — er war um 1644 geboren und starb 1737 — fortsetzte, bis um die Wende des Jahrhundertes das, was er suchte — Lieblichkeit und Größe des Tones bei Formvollendung — gefunden war. Es ist eine sehr verbreitete Meinung, Stradivari hätte etwas durchaus Neues geschaffen. Nach meinem bescheidenem Dafürhalten jedoch waren alle Eigen- schaften, wodurch sich seine Instrumente vor denen der früheren Periode auszeichnen, bereits gegeben; nur waren sie zerspreut, und ihm gebührt das große Verdienst, das Beste überall mit scharfem Blick entdeckt und dann zu einem harmonischen Ganzen vereinigt zu haben. Er hatte zwar auch eine Anzahl Schüler und noch mehr Nachahmer und manche von ihnen lieferten auch so Vorzüg- liches, daß heute wohl nicht wenige ihrer Erzeug- nisse unter seiner Firma umlaufen. Allein in dem Grade, wie vordem den Amati, war es ihm doch nicht beschieden, seine Zeit zu beherrschen.
7Sein größter Schüler Josef Guarneri (geb. 1683, † um 1745), zum Unterschiede von einem Bluts- und Namensvetter, nach dem Meister- zeichen, dessen er sich bediente, del Gesu genannt, folgte zwar in der Hauptsache dem Lehrer, woch aber doch in Einzelheiten so sehr von ihm ab, daß seine Instrumente mit denen des letzteren nicht zu verwechseln sind. Ungleich seinem Lehrer, welcher consequent seinem Ideale nachstrebt, und, als er es erreicht, bei demselben beharrt, ist sein Naturell und in Folge dessen auch sein Schaffen ein unstätes. Bald liefert er Produkte, welche den vollendetesten Schöpfungen Stradivari's gleich- kommen, ja ihnen vielseitig sogar vorgezogen werden — auch Paganini's Leibgeige war eine Guarneri —, bald sind seine Hervorbringungen so nachlässig in der Wahl des Holzes und in der Ausarbeitung, daß man versucht wird, ihnen die Originalität abzusprechen. Guarneri ist zwar hie und da copirt worden, Schüler aber scheint er keine gebildet zu haben. Einer Tradition zu- folge soll er sein Leben im Gefängnisse beschlossen haben.
9Zur Zeit schon, als Andrea Amati die neue Aera begründete, wird der Geigenbau außer Brescia und Cremona noch in einigen anderen Städten betrieben. Eine größere Ausbreitung erlangte er aber erst durch den Impuls, den ihm die Arbeiten Nikolaus Amatis und Stradivaris verliehen. Wie ein Baum, welcher in gutem Erdreich wurzelt und dem der Himmel zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein spendet, treibt er nun seine Äste und Zweige nach allen Seiten. In den meisten größeren Städten Oberitaliens schlägt er seinen Sitz auf; am stärksten ist er nächst Cremona in Venedig und Mailand ver- treten; von Oberitalien zieht er sich über Florenz und Rom bis nach Neapel und Palermo hinunter. Im Ganzen zählte er, nach dem mir bis heute bekannten Stande, an zweihundert selbstständige Arbeiter.
11Was ihn nicht wenig fördert, ist das Forterben in der Familie. Schon vor den Amati finden wir darin die Duiffsopruigar's und die Linarollos in Venedig Generationen hindurch thätig; die Arbeitsperiode der Amati umfaßt nichts weniger als anderthalb Jahrhun- derte; neben ihnen blühen die zahlreichen Künst- lerfamilien der Guarneri und Ruger, dann fol- gen die Guadagnini und Bergonzi, von denen jede wohl ein Jahrhundert ausfüllt. In Bres- cia begegnen wir den Familien der Mag- gini und Zanetto, in Mailand den Grancini und Testore, in Venedig den Novellos, Tononi und Gofriller, während sich in Neapel die Gag- liani gar vom siebzehnten Jahrhundert an bis in unsere Zeit hinein, freilich zuletzt nur noch als Saitenmacher erhalten.
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