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Scan 9
Der Geigenbau in Italien und sein deutscher Ursprung : eine historische Skizze, 1875
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1Auf den Zetteln, mit welchen sie ihre Werke versehen, wird die Geschlechtsfolge nicht selten angedeutet, wie durch den Beifatz N. N. der Sohn, Enkel oder Neffe des N. N. In dieser Weise führt z. B. Nicolaus Amati diese Genealogie bis zu seinem Großvater zurück. Oft wurde auch die Vaterstadt genannt; insbesondere ist es gebräuchlich, den Meister oder die Schule anzuführen, zumal wenn dabei auf Cremona und Nicolaus Amati oder Stradivari hingewiesen werden kann. Selbst Gesellschaftsfirnen, wie Antonius & Hieronymus Amati, Fratelli Grancini kommen bereits vor. Durch solche Bemerkungen, so wie an sich durch Namen, Standort und Jahreszahl werden die Zettel zu einer wichtigen, in den meisten Fällen einzigen Quelle für die Geschichte des interessanten Kunstzweiges. Leider wird deren Benützung sehr erschwert, weil die Fälschung auch da bereits Platz gegriffen hat, indem einerseits ächte, aber des Zettels schon beraubte Instrumente mit fingierten Zetteln, andererseits imitirte Instrumente mit Originalzetteln ausgestattet werden. Es ist also Erfahrung und Vorsicht nothwendig, um sich dabei nicht zu täuschen. Gewerbemuseen und die Bibliotheken von Musikgesellschaften sollten es mit als ihre Aufgabe betrachten, durch gelegentliches Sammeln genauer Abschriften von ächten Zetteln die Forschung zu unterstützen.
3Eine sichere Fährte würde sich ferner in den Geburts-, Trauungs- und Sterberegistern eröffnen. Bis jetzt wurde diese Quelle nur bezüglich der Amati, Stradivari und Guarneri durch die unermüdlichen, von Pietät gegen seine großen Vorbilder zeugenden Nachforschungen J. B. Buillaumes ausgebaut, und S. Ruf hat das Verdienst, solche und ähnliche Daten über Stainer an's Licht gezogen zu haben.
5Bei diesen Meistern werden mithin Instrumentenzettel aus einer Zeit, wo die Verfertiger entweder schon gestorben oder noch nicht geboren waren oder doch noch auf den Schulbänken saßen, keinen Kundigen mehr täuschen. Derlei Anachronismen kamen in den Anmeldungen für die Wiener Weltausstellung gar häufig vor. Selbst Spohr versetzte Stradivaris Tod um etwa 40 Jahre später, daher derselbe, da nach Buillaumes Erhebungen seine Geburt in das Jahr 1644 fiel, ein Alter von fast 140 Jahren erreicht haben müsste. Es wäre nur zu wünschen, daß solche "historische Desinfectionen" auch auf die übrigen Vertreter des italienischen Geigenbaues Ausdehnung fänden. Die Geschichte des Faches würde dann bald eine festere Unterlage gewinnen. So gilt z. B. in der Familie Guadagnini die Existenz eines einzigen Ioannes Baptista als ausgemacht; man läßt ihn ganz richtig bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhundertes leben, übersieht aber, daß hundert Jahre früher schon ein Ioannes Baptista Guadagnini selbstständig arbeitete und es daher mindestens zwei Meister dieses Namens geben mußte. Die Arbeitszeit des Alexander Mezzadrie in Ferrara wird in die Jahre 1690 bis 1710 verlegt, während ächte Instrumente mit ächten Zetteln von ihm schon aus dem Jahre 1616 vorhanden sind.
7Irrtümer dieser und ähnlicher Art, deren viele aufgezählt werden könnten, gehen nun von einer Schrift in die andere über, weil die prüfende Kritik in dieses Gebiet noch nicht ihre Sonde geworfen hat.
9Zur Ausrottung derselben empfehlen sich zunächst zwei Wege.
11Erstens die Nachforschung in den Kirchenregistern und in den etwa noch erhaltenen Gewerbsregistern. Es wäre dies eine Aufgabe für Seelsorger, Kommunalbeamte, Archivare und Localhistoriker.
13Bei den Erhebungen für die Wiener Weltausstellung hatte ich bereits derartige Erhebungen in's Auge gefaßt. Die italienische Regierung sollte bewogen werden, den Impuls dazu zu geben, denn es dürfte als eine Nationalsache Italiens betrachtet werden, daß über einen Kunstzweig, in welchem dieses Land das Höchste geleistet, etwas mehr Licht verbreitet werde. Der deutschen Forschung möchte ein gleiches Vorgehen rücksichtlich jener deutschen Künstlernamen zu empfehlen sein, die, wie wir später sehen werden, als die ersten Träger des Geigenbaues in Italien erscheinen. Insbesondere wäre der Geschichte der deutschen Lautenmacherei, die von einigen bairischen Städten, wie Nürnberg, München, und vielleicht auch in Tyrol schon in alter Zeit zu ansehnlicher Entwicklung gediehen sein muß, die Aufmerksamkeit zuzuwenden.
15Das zweite Erforderniß ist die Vermeidung alles Generalisirens, d. h. es ist Nichts, worüber man nicht volle Gewißheit besitzt, als Thatsache aufzustellen, und, wo die Gewißheit mangelt, ist wenigstens die Quelle zu nennen, damit man in die Lage käme, die Richtigkeit der Angabe zu prüfen, und nicht versucht würde, einer Anführung größere Glaubwürdigkeit beizumessen, als sie verdient. Diese Bemerkung hat sowohl Bezug auf die Zettel, wie auf die Eigenschaften der Instrumente. Am besten ist es, jeden einzelnen Zettel oder doch jede einzelne Jahreszahl mit Angabe des Instrumentes, dem sie entnommen ist, und so auch die äußeren Merkmale mit Rücksicht auf das bestimmte Instrument, an welchem sie sich gerade finden, zu notiren, nicht aber, wie es ein bekannter, in diesem Fache aber nur mit Vorsicht zu benützender Musikschriftsteller oft gethan, aus einem und dem anderen Datum gleich ganze Perioden zu construiren und aus einzelnen Instrumenten die Richtung, welche ein Meister in seinem ganzen Leben oder in verschiedenen Zeitabschnitten eingeschlagen, herauszulefen.
17Eine gute Vorarbeit für eine verlässliche Ge-
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