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Scan 297
Die Geigen und Lautenmacher, 1922
6 lines. Read by computer on 23 September 2026. Printed page 293. See the scan on archive.org.
1Von Bedeutung für die Geschichte des Lauten- und Geigenbaues in Hamburg ist erst die Einwanderung von Johann Tielke¹). In ihm müssen wir den Sprößling einer alten norddeutschen Lautenmacherfamilie vermuten, der vielleicht zuerst als Geselle in die alte Hansestadt gekommen war und schon in jener Zeit selbständig gearbeitet hat, denn es gibt ein vom Jahr 1635 datiertes Streichinstrument von ihm. Er muß dann wieder an anderen Orten, möglicherweise in seiner Heimat, geweilt haben, bevor er sich mit seinem Sohne Joachim dauernd in Hamburg niederließ. Über ihn ist wenig bekannt geworden, er hat auch das Bürgerrecht nicht erworben und scheint schließlich auswärts gestorben zu sein. Aber sein Sohn Joachim Tielke (Tafel 29b) war berufen, dereinst nicht nur der hervorragendste Hamburger Meister, sondern einer der besten und berühmtesten deutschen Geigen- und Lautenmacher überhaupt zu werden. Ob sein Vater schon ein großer Künstler war, läßt sich vorläufig noch nicht behaupten; man kennt zu wenig von ihm, und das Wenige ist in bezug auf die Echtheit nicht einwandfrei. Besonderes Glück scheint er nicht gehabt zu haben, aber er muß ein guter Lehrmeister gewesen sein, denn wenn man auch alle Ursache hat, anzunehmen, daß sein Sohn auf der Wanderschaft bis nach Italien gekommen ist und dort seine Ausbildung vollendet hat, so hat er doch sicher den Grund zu dessen nachmaliger Meisterschaft gelegt.
3In Hamburg bestand keine Zunft der Lautenmacher, und diese, wie das anderwärts geschah, einer größeren Zunft anzuschließen, hatte man keine Veranlassung; als daher Joachim Tielke, heimgekehrt, sich selbständig machen wollte, legte er gewiß solche Proben seiner Künstlerschaft ab, daß man ihn ohne weiteres als Freimeister zuließ, wie man ja auch die Bildnismaler nicht in die Malerzunft einreihte, sondern ihnen in gleicher Weise als Freimeister ihre Kunst auszuüben gestattete. Am 9. Juli 1669 leistete er den Bürgereid, und kurz darauf verheiratete er sich mit der um fünf Jahre jüngeren Katharina Fleischer, mit der er noch das Fest der goldenen Hochzeit kurz vor seinem Tode erleben sollte. Tielke scheint sich überraschend schnell einen weit über Hamburg hinausreichenden Namen gemacht zu haben; seine mit feinstem Geschmacke und mit aller denkbaren Pracht ausgestatteten Instrumente wurden ihm von Fürsten und Herren weit und breit um schweres Geld abgekauft, und noch jetzt ist er unüber-
5¹) Was über Tielke und die älteren Hamburger Lauten- und Geigenmacher aus den Beständen des Staatsarchivs ermittelt werden konnte, hat, durch meine Anfrage veranlaßt, Dr. H. Nirnheim ungewöhnlich fleißig zusammengetragen und in den Mitteilungen des Vereins f. Hamb. Gesch. Bd. VII 7 veröffentlicht.
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