Scan 19
Die Geigen und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1922
12 lines. Read by computer on 3 September 2026, twice; the two readings disagreed in places. Printed page 15. See the scan on archive.org.
1Amati, Andrea. — Cremona. Geb. um 1535, † nach 1611
2Der Stammvater der berühmten Geigenmacherfamilie, deren Ahnen sich bis ins frühe Mittelalter (1097) zurückverfolgen lassen, und die, wie Lancetti, de Piccollellis u. a. annehmen, deutschen Ursprungs war. Andreas Geburtstag zu ermitteln, gelang noch nicht, da die Kirchenbücher aus so früher Zeit nicht mehr vorhanden sind. Auch sein Todestag ließ sich nicht feststellen; er scheint also nicht in Cremona selbst gestorben zu sein. Nach dem Wortlaut des Totenscheines seiner zweiten Frau muß er im Jahre 1611 noch gelebt haben. Von seinem Leben ist nicht allzuviel bekannt. Schon 1554 ging er seine erste Ehe ein, doch ist der Name der Frau nicht angegeben. Er hatte von ihr drei Kinder, darunter Antonio und Girolamo. Gegen 1609 verheiratete er sich zum zweiten Male mit der erst 18jährigen Angiola de Migli, die schon zwei Jahre später starb. Alles, was über seine Lehrer gesagt wird, ist nur Vermutung. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er in Cremona selbst gelernt hat, es ist auch möglich, daß er in seiner Lehrzeit zu den Brescianern Beziehungen hatte; aber es geht zu weit, wenn man geradezu Giammarcello del Busetto als seinen Lehrer angibt. Daß er ein Schüler Gaspar da Salos gewesen sei, läßt sein Alter schon als unglaublich erscheinen. An die Brescianer erinnern höchstens seine weiten F-Löcher und die abfallenden Ecken; in der Hauptsache hielt er sich an die überlieferten Modelle. Es sind übrigens nur wenige Instrumente erhalten, die ihm mit einiger Sicherheit zugeschrieben werden können, aber auch diese sind meist vielfach ausgebessert. Anfangs baute er, wie erwähnt, noch nach den alten Gambenmodellen, und erst allmählich nahm er die jetzt gebräuchliche Geigenform an. Er bevorzugte ein kleines Patron, wählte gutes Holz, das er in entsprechender Stärke verwendete. Der Boden ist fast immer nach der Schwarte geschnitten. Auch sein Lack ist in der ältesten Zeit noch der bei Lauten- und Violinenbauern des 16. Jahrhunderts häufig verwendete schwarz-rötliche; später kommt er davon ab und gebraucht einen dunkelgelben oder hellbraunen Lack, den er nur etwas zu dick aufträgt. Die Wölbung ist ziemlich hoch, weshalb auch der Ton nicht allzu voll klingen kann, doch ist er silberhell und weich. Bei den F-Löchern sind die oberen Punkte fast ebensogroß wie die unteren. Den heutigen Anforderungen entsprechen seine Violine freilich nicht mehr, sie werden aber immer einen hohen Sammelwert behalten. Er war schon bei Lebzeiten sehr berühmt und soll auch von König Karl IX. von Frankreich viel beschäftigt worden sein. Belege hierfür ließen sich freilich nicht finden, doch dürfte der alten Überlieferung immerhin etwas Wahres zugrunde liegen. Ein schönes, echtes Violoncello von ihm besitzt Simoutre in Paris, ein anderes Mr. J. H. Bridges. Eine Liste seiner erhaltenen Werke müßte noch aufgestellt werden. Andrea war der Begründer des Ruhms seiner Familie, deren Name vielleicht am meisten mißbraucht wurde. Jede ältere Geige, die nur einigermaßen italienisch aussieht, wurde mit dem Namen eines der Amati getauft. one of two readings
3Der Stammvater der berühmten Geigenmacherfamilie, deren Ahnen sich bis ins frühe Mittelalter (1097) zurückverfolgen lassen, und die, wie Lancetti, de Piccollellis u. a. annehmen, deutschen Ursprungs war. Andreas Geburtstag zu ermitteln, gelang noch nicht, da die Kirchenbücher aus so früher Zeit nicht mehr vorhanden sind. Auch sein Todestag ließ sich nicht feststellen; er scheint also nicht in Cremona selbst gestorben zu sein. Nach dem Wortlaut des Totenscheines seiner zweiten Frau muß er im Jahre 1611 noch gelebt haben. Von seinem Leben ist nicht allzuviel bekannt. Schon 1554 ging er seine erste Ehe ein, doch ist der Name der Frau nicht angegeben. Er hatte von ihr drei Kinder, darunter Antonio und Girolamo. Gegen 1609 verheiratete er sich zum zweiten Male mit der erst 18jährigen Angiola de Migli, die schon zwei Jahre später starb. Alles, was über seine Lehrer gesagt wird, ist nur Vermutung. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er in Cremona selbst gelernt hat, es ist auch möglich, daß er in seiner Lehrzeit zu den Brescianern Beziehungen hatte; aber es geht zu weit, wenn man geradezu Giammarcello del Busetto als seinen Lehrer angibt. Daß er ein Schüler Gaspar da Salos gewesen sei, läßt sein Alter schon als unglaublich erscheinen. An die Brescianer erinnern höchstens seine weiten F-Löcher und die abfallenden Ecken; in der Hauptsache hielt er sich an die überlieferten Modelle. Es sind übrigens nur wenige Instrumente erhalten, die ihm mit einiger Sicherheit zugeschrieben werden können, aber auch diese sind meist vielfach ausgebessert. Anfangs baute er, wie erwähnt, noch nach den alten Gambenmodellen, und erst allmählich nahm er die jetzt gebräuchliche Geigenform an. Er bevorzugte ein kleines Patron, wählte gutes Holz, das er in entsprechender Stärke verwendete. Der Boden ist fast immer nach der Schwarte geschnitten. Auch sein Lack ist in der ältesten Zeit noch der bei Lauten- und Violinenbauern des 16. Jahrhunderts häufig verwendete schwarz-rötliche; später kommt er davon ab und gebraucht einen dunkelgelben oder hellbraunen Lack, den er nur etwas zu dick aufträgt. Die Wölbung ist ziemlich hoch, weshalb auch der Ton nicht allzu voll klingen kann, doch ist er silberhell und weich. Bei den F-Löchern sind die oberen Punkte fast ebensogroß wie die unteren. Den heutigen Anforderungen entsprechen seine Violen freilich nicht mehr, sie werden aber immer einen hohen Sammelwert behalten. Er war schon bei Lebzeiten sehr berühmt und soll auch von König Karl IX. von Frankreich viel beschäftigt worden sein. Belege hierfür ließen sich freilich nicht finden, doch dürfte der alten Überlieferung immerhin etwas Wahres zugrunde liegen. Ein schönes, echtes Violoncello von ihm besitzt Simoutre in Paris, ein anderes Mr. J. H. Bridges. Eine Liste seiner erhaltenen Werke müßte noch aufgestellt werden. Andrea war der Begründer des Ruhms seiner Familie, deren Name vielleicht am meisten mißbraucht wurde. Jede ältere Geige, die nur einigermaßen italienisch aussieht, wurde mit dem Namen eines der Amati getauft. one of two readings
4Geigenzettel: Andrea Amati in / Cremona M.D.LXXII (gedruckt).
6Amati, Antonio. — Cremona. Geb. zwischen 1555 und 1560, † nach 1640
7Ältester Sohn von Andrea A. Er arbeitete viele Jahre gemeinsam mit seinem Bruder Hieronymus. Ihre stets trefflichen Instrumente erinnern anfangs noch an die Arbeiten des Vaters. Ihre späteren und besseren Geigen haben eine weniger hohe Wölbung. Die verschiedenen, mit einem gemeinsamen Zettel (s. Abb. 20) bezeichneten Instrumente stimmen nur selten miteinander überein, so daß man die Arbeit der Brüder unterscheiden zu können vermeint; die besseren werden dem talentvolleren Hieronymus zugeschrieben. Der Lack ist anfangs dicker und dunkel (kirschbraun), später wird er dünner und hat schöne Orangefarbe. Nach dem Tode seines Bruders zeichnete er seine Arbeiten nur mit seinem Namen. Die Brüder haben nicht allzuviel Werke hinterlassen; ihre Geigen sind aber meist vorzüglich erhalten, was man vielleicht der immerhin noch hohen Wölbung zuschreiben kann. Eine Decke mit hoher Wölbung besitzt größere Elastizität und vor allem größeren Widerstand gegen den Saitendruck, obwohl sie dünner ausgearbeitet werden kann. (In der Brust ließen die Brüder Amati das Holz in der Regel 2 bis 2,8 mm dick.) Freilich hat eine Violine mit flacher Decke einen größeren und wohl auch edleren Ton. Die Brüder waren, wie ihr Vater, weit über ihr Vaterland hinaus berühmt und wurden namentlich in Frankreich hochgeschätzt. Auch sie bauten prächtig ausgestattete Geigen für den französischen Königshof1). Zwei vorzügliche Violen von ihnen besitzt die Hofkirche in Dresden. Es sind vielleicht die größten bisher bekannten Violen ihrer Zeit und befinden sich noch im Originalzustande mit den alten Hälsen. Boden, Zargen und Schnecke sind nach der Schwarte geschnitten. Der braungoldgelbe Lack ist von außerordentlicher Durchsichtigkeit und Weichheit; die beiden Violen sind nur wegen ihrer Größe schwer spielbar. Eine sehr schöne Violine der Brüder befindet sich auch in der Sammlung des Apoth. E. Meisner in München-Nymphenburg. Geigenzettel: Abb. 20.
9Amati, Hieronymus (Girolamo) I. — Cremona. Geb. um 1556, † 2. November 1630 an der Pest, der wenige Tage vor ihm auch seine Frau und zwei Töchter erlegen waren
10Jüngerer Sohn von Andrea A. In der ersten Ehe (um 1576) vermählt mit Ippolita Zucchielli, von welcher er fünf Töchter hatte. Am 24. Mai 1584 ging er mit Laura Lazzarini eine zweite Ehe ein, von der er neun Kinder bekam; das fünfte davon war Nicola. Hieronymus war ungleich talentvoller und origineller als sein Bruder und wie dieser bedeutender als der Vater. Er arbeitete mit seinem Bruder gemeinsam. Daß sich in den letzten Lebensjahren die Brüder getrennt haben sollen, ist nicht wahrscheinlich, da es noch Violinen mit gemeinsamem Zettel und der Jahreszahl 1630, also dem Todesjahr Girolamos, gibt. Der von Grillet veröffentlichte Zettel mit dem Namen »Hieronymus (sic) Amati« trägt die Jahreszahl 1640 und erweist sich dadurch als Fäl-
111) Vgl. Heron-Allens Aufsatz über die bemalten Amati-Geigen.
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