Scan 484
Die Geigen und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1922
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1nähren 1), und so erdrückten ihn die Sorgen schließlich, daß er in Geistesnacht verfiel. Sein Todestag ist unbekannt 2), aber sein Andenken ist lebendig geblieben, und 1898 wurde ihm ein würdiges Denkmal gesetzt. Wie Stradivari war er vielseitig in seiner Kunst, und es gibt kaum ein zu seiner Zeit gebräuchliches Streichinstrument, das er nicht gemacht hätte. Er schlug neue Wege ein, wenn er sich auch dem Einflusse der Amatischule nicht entziehen konnte. Doch nahm er, wie schon bemerkt, nur an, was seinen Absichten entgegenkam. Er veränderte die Umrisse, die Stärkenverhältnisse des Holzes und die Wölbung, bei der auffällt, daß er die Decke höher als den Boden machte. Seine Geigen erhielten dadurch jene eigentümliche, fast mehr an den Flöten- als an den Geigenton erinnernde Klangfarbe, die noch durch das ganze 18. Jahrhundert das Entzücken aller Musiker war. Das individuelle Gepräge aller Arbeiten Stainers fällt sofort in die Augen. Auch seine kurzen F-Löcher mit ihren kreisrunden Endigungen sind charakteristisch. Daß er manchmal unter dem Griffbrett noch ein rundes oder öfters ein sternförmiges Schalloch und am Wirbelkasten gerne Löwenköpfchen u. dgl. angebracht hat, sei nur nebenbei erwähnt, da das auch andere unter seinen Zeitgenossen taten. Sein Lack ist sehr schön und kommt dem italienischen sehr nahe. Wenn er in Venedig »Materialien einkaufte«, so wird der Lack dabei sicher eine Hauptrolle gespielt haben, da er gewiß Holz, wie er es brauchte, in seiner Heimat selbst haben konnte 3). In der Farbe ist der Lack gelbrot gewesen, zeigt aber jetzt oft einen an Mahagoni erinnernden Ton. Er hatte drei verschiedene Modelle, ein kleines, ein mittleres und ein großes. Die technische Vollendung seiner Geigen blieb allen seinen Nachahmern unerreichbar, aber auch er dürfte von einem Grundgedanken ausgegangen sein, den er als Geheimnis mit ins Grab genommen hat. Man nennt u. a. Klotz und Alban seine Schüler; sie waren sehr geschickt, aber an den Meister reichten sie nicht heran. Bald nach dem Tode Stainers wurde sein Name so berühmt, seine Geigen so gesucht, daß zahlreiche Fälschungen vorkamen, und selbst Klotz soll in seinen besten Geigen den Namen Stainers angebracht haben. In Deutschland und England wurde er von den Geigenmachern zum alleinigen Vorbild genommen; auch in Frankreich falschte man seine Arbeit, wie eine zweifellos französische Geige im Museum des Konservatoriums in Brüssel beweist, in der sich der unsinnige, gedruckte Zettel befindet: »Jacobus Staainer Filius, in absam prope omni pontum 1558«. Selbst in Italien wurde sein Modell nachgeahmt, ganz abgesehen von
31) Er hatte acht Töchter und einen Sohn Jakob, der starb, ehe er ein Jahr alt wurde.
52) Der im Jahre 1842 von Seb. Ruf errichtete Grabstein fingierte nur ein wahrscheinliches Datum: »Freitag nach Aegidi vor Sunnenaugang«.
73) Es wird erzählt, daß er sich tagelang in Wäldern aufgehalten habe, um die Stämme abzuklopfen und auszusuchen, die er zum Geigenbau brauchen konnte. Weniger glaubwürdig ist die Erzählung, daß er in Italien das Holz eines abgebrochenen Altars gekauft und 7 Geigen daraus gemacht habe, die er den 7 Kurfürsten zum Geschenk machte, die dann unter dem Namen Kurfürstengeigen als seine besten Arbeiten gegolten haben sollen.
9dem Einfluß seiner Arbeit auf D. Tecchler und die Schule von Rom. Ja, der Glanz seines Ruhmes hat im achtzehnten Jahrhundert in allen germanischen Ländern die größten italienischen Meister überstrahlt. Erst die erhöhten Anforderungen an die Geige und die Kraft ihres Tons im neunzehnten Jahrhundert, denen die Stainergeigen nicht ganz zu entsprechen vermögen, brachten es mit sich, daß man jetzt die Cremoneser überall bevorzugt. Ihren Sammelwert behalten die Stainergeigen aber für alle Zeit, und so kommt eine echte Arbeit von ihm fast noch seltener im Handel zum Vorschein als eine echte Stradivari. Die schönsten Stainergeigen befinden sich in englischem Besitz; was in Deutschland noch vorkommt, ist nicht immer zweifellos echt. In echten Arbeiten fanden sich bisher nur handschriftliche Zettel, so daß es fraglich erscheint, ob er jemals gedruckte verwendet hat. Es wäre wünschenswert, daß einmal ein Verzeichnis der wirklich echten Stainergeigen und ihrer Besitzer zusammengestellt würde. Von größeren Sammlungen seien hier nur die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, das Museum des Pariser Konservatoriums, die staatl. Sammlung in Berlin, die fürstl. Lobkowitzsche Sammlung auf Schloß Raudnitz in Böhmen (ein Kontrabass von 1677, Violinen von 1652, 1653, 1657, 1661 und 1667) erwähnt. Eine Viola und drei Violinen, darunter eine, die zu Stainers schönsten Arbeiten gehört, besitzt Hämmerle in Wien, eine ähnliche Prof. Anzoletti in Mailand (ein Erbstück seiner aus Bozen stammenden Künstlerfamilie), ferner eine Violine aus dem Jahre 1675 Dr. A. Heusch in Aachen. Eine Violine von 1660 ist in der Kirche am Strahov, eine von 1676 in der Prager Kreuzherrenkirche, einen Kontrabass besitzt der Kirchenchor in Murnau am Staffelsee. Auch einige bayrische und österreichische Klöster dürften noch im Besitz echter Arbeiten Stainers sein. So glauben das Chorherrenstift Neustift bei Brixen in Tirol zwei Geigen von 1655 und 1661, das Stift St. Florian (O.-Ö.) eine Violine von 1670 und die Dechantei des Marktes Obervellach (Kärnten) eine ähnliche ihr eigen zu nennen. Eine sehr schöne Stainergeige, leider ohne Zettel, besitzt ferner Prof. Gust. Holländer in Berlin, eine Viola da Gamba von 1667 W. E. Currey und eine Viola d’amore das Museum Carolino Augusteum in Salzburg, ein Violoncello Max Eisenberg in Hamburg, eine Tenorgamba, die ihrer prachtvollen Arbeit halber, trotz des gedruckten (statt geschriebenen) Zettels für echt gelten kann, Fritz Wildhagen in Halensee b. Berlin, eine Bratsche Rechnungsrat Friedrich in Posen. Eine in allen Teilen im ursprünglichen Zustand erhaltene Violine erbte das Kloster Niedermünster in Regensburg von dem Kirchenkomponisten Huller. Stainers Leben wurde wiederholt zum Gegenstand novellistischer Arbeiten gemacht 1); eine wirklich wertvolle Biographie schrieb der verdienstvolle Kaplan des Irrenhauses in Hall Seb. Ruf (geb. 1802, † 1877). Nach ihm sind nur noch zwei Funde von dem Archivbeamten Klaar ge-
111) Z. B. von J. Schuler (abgedruckt in Schulers Werken, Innsbruck 1861 bei Wagner) und in »Jakob Stainer, Der Geigenmacher von Absam in Geschichte und Dichtung«, (wo auch Herm. v. Gilms Gedicht »J. Stainer« Aufnahme fand), ferner H. Jäger: »Der Geiger von Absam oder der klingende Baum«, abgedr. in »Des Knaben Lust und Lehre«, Glogau bei Fleming usw.
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