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Scan 102

Musik-Lexikon, 1887

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1Antunft in Wien nur der Komposition gelebt. Seine Werke wurden gut bezahlt, und er bezog vom Fürsten Lichnowski jährlich einen Gehalt von 600 Fl., 1809 bis 1811 sogar vom Erzherzog Rudolf und den Fürsten Lobkowitz und Kincky jährlich 4000 Fl. Trotz dieser vielfachen Beziehungen zu Erzherzögen und Fürsten war B. nichts weniger als ein Liebediener und Hofmann, blieb vielmehr sein lebenlang ein Demokrat und Republikaner, der die Herrscher für Tyrannen hielt. Be- kanntlich widmete er ursprünglich seine Symphonie »Eroica« Napoleon, weil er in ihm einen echten Republikaner sah; als derjelbe aber die Kaiserwürde annahm, zerriss er die Dedikation. Als während des Wiener Kongresses (1814) die anwesenden fremden Monarchen mehrfach beim Erzherzog Rudolf zusammen mit B. zu Gäste geladen waren, ließ sich letzterer (nach seiner eigenen Aussage) von den hohen Häuptern die Kour machen und be- nahm sich stets vornehm. Er fühlte sich mit Recht als ein König der Kunst. Die trübste Zeit seines Lebens begann nach dem Tode seines Bruders Karl (1815), für dessen Sohn B. die Vormundschaft über- nahm. Der letztere hat ihm viel Kummer bereitet; betreffs seiner wie aller andern Details aus Beethovens Leben verweisen wir auf die ausführlicheren Biographien Beethovens. Von ganz anderer, noch tiefer eingreifender Bedeutung für die Stim- mung und demzufolge Kompositionsrich- tung Beethovens war dagegen ein sehr früh aufgetretenes, sich mehr und mehr verschlimmerndes Ohrenübel, das bereits 1800 zu einer starken Schwerhörigkeit sich entwickelt hatte und allmählich in völlige Taubheit überging. Er schämte sich seiner Schwerhörigkeit und suchte sie zu verber- gen; sein rauhes, mürrisches und einsil- biges Wesen war daher, wenigstens in früheren Jahren, teilweise Maske, wenn es auch anderseits eine unausbleibliche Folge des Übels sein musste. Seine sonst rüstige Gesundheit fing um 1825 allmäh- lich an, zu wanken; 1826 stellten sich Sym- ptome von Wassersucht ein, die sein Leben bedrohten. Eine dazugekommene heftige Erkältung im Dezember d. J. warf ihn aus Krankenlager; nach einer schmerz- lichen Operation seiner Wassersucht nah- men seine Kräfte mehr und mehr ab, und 26. März 1827, früh 6 Uhr, verschied er.
3Wir verehren in B. den größten Meis- ter der modernen Instrumentalmusik, der aber zugleich einige Vokalwerke von der- selben Höhe der Bedeutung geschrieben hat (»Fidelio« und »Missa solemnis«). Wenn das religiöse Empfinden in den Werken Bachs seinen schönsten Ausdruck gefunden hat, so ist es dagegen in denen Beethovens das rein Menschliche, Freud' und Leid, das mit der Sprache der Leidenschaft zu uns redet. Die allmächtig in den Vorder- grund tretende Subjektivität, das charakte- ristische Agens unsrer Zeit, ist in B. ver- körpert, aber zum Klassizismus abgeklärt durch die Schönheit der Form. Unüber- troffen, ja unerreicht ist B. in der de- taillierten figurativen Durcharbeitung der Themen, die besonders in der letzten Periode seines Schaffens eine Verfeinerung erreicht, für welche das volle Verständnis noch heute erst sich weiteren Kreisen zu erschließen beginnt. Im eminenten Sinne gilt das von seiner Rhythmik. Der »letzte B.« datiert ungefähr seit der Zeit, wo er seinen Neffen aufnahm (1815) und seine ganze Lebensweise veränderte, ein eigenes Hauswesen einrichtete etc. Dieser Zeit ent- stammen die fünf letzten Klaviersonaten (Op. 101, 106, 109, 110 und 111), die großen Streichquartette Op. 127 (Es dur), Op. 130 (B dur), Op. 131 (Cis moll), Op. 132 (A moll) und Op. 135 (F dur), die große Quartettfuge Op. 133, die neunte Symphonie, »Missa solemnis« und die Ouvertüren Op. 115 und Op. 124.
5Die Zahl der Werke Beethovens ist, verglichen mit denen anderer Meister, nicht groß; er schrieb: 2 Messen (C dur, Op. 86, und die »Missa solemnis« in D dur, Op. 123), 1 Oper (»Fidelio«), 1 Orato- rium (»Christus am Ölberg«), 9 Sym- phonien (No. 1 C dur, Op. 21; No. 2 D dur, Op. 36; No. 3 Es dur [Eroica], Op. 55; No. 4 B dur, Op. 60; No. 5 C moll, Op. 67; No. 6 F dur [Pastorale], Op. 68; No. 7 A dur, Op. 92; No. 8 F dur, Op. 93; No. 9 D moll, Op. 125, mit Chor: Schillers »Hymne an die Freude«), »Die Schlacht von Vittoria« (Orchesterphantasie), Mu- siken zu »Prometheus« und »Egmont«,

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