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Scan 84
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1872
3 lines. Read by computer on 16 September 2026, twice; the two readings disagreed in places. Printed page 78. See the scan on archive.org.
1J. 1796 war zu Prag nur noch die aus Blasinstrumenten zusammengestellte gräflich Pachta'sche Hauskapelle übrig; aber wenn auch die Hauskapellen eingingen, so waren doch zu Ende des 18. Jahrhunderts in adeligen und anderen ausgezeichneten Häusern sogenannte »Dilettanten-Akademien« eine beliebte und geistreiche Unterhaltung, wobei besonders das Streichquartett mit Vorliebe geflekt wurde. Beim Freiherrn von Hennet wurden alle Wochen Quartette gegeben, wobei er selbst die Violine meisterhaft spielte; desgleichen beim Grafen Spork, der das Violoncello mit vielem Geschmack behandelte. Auch in den Häusern der Grafen Ch. Clam-Gallas, Fried. Nostitz, Joh. Pachta, Wrtby wurden Wochen-Musikproductionen gegeben. — Die Opernmusik. Prag besass im Anfang des 18. Jahrhunderts kein öffentliches Theatergebäude und bot daher keine Gelegenheit zu Opernaufführungen. Wenn aber solche zuweilen doch statt fanden, so haben besondere Feierlichkeiten dazu Anlass gegeben. So wurde im Jahre 1723 bei der Krönung Karls VI. zum Könige von Böhmen in Prag eine grosse, für den Geburtstag der Kaiserin Elisabeth gedichtete Festoper: »Costanza e Fortezza« (Text vom Hofpoeten Pietro Pariati; Musik vom Hofkapellmeister J. F. Fux) gegeben, wobei 1000 Vocalisten und Instrumentalisten unter der Direction Caldara's mitwirkten. Bei ebenderselben Gelegenheit führten die Studierenden des altstädtter Jesuitengymnasiums eine lateinische Oper: »Sub olea et palma virtutis conspicua orbi regia Bohemiae corona« von D. Zelenka auf, der eigens von Dresden nach Prag kam, um den Text in Musik zu setzen. Einige Jahre später kam in demselben Gymnasium die lateinische Oper: »Constantinus« von J. A. Sehling zur Darstellung. Ja, in den Klöstern und Jesuitengymnasien fanden fast regelmässig Aufführungen lateinischer Opern oder geistlicher Musikdramen statt. Das altstädtter, neustädter und kleinseitner Gymnasium in Prag besass sein eigenes Theater, wo solche Productionen gegeben wurden. Unter anderen führten die Studierenden der genannten Gymnasien folgende Musikdramen auf: »Dies Dominicae mortis« 1727; »Jephias« 1728; »Diva Genovefa« 1729; »Fides et Constantia« 1735; »Hermenegildus« 1748; »Bantius Nolanus« 1751 u. s. w. Aber nicht nur in Prag, sondern auch auf den Landgymnasien zu Benešov, Slané, Kosmonos, Neuhaus u. s. w. wurden derlei Musikdramen aufgeführt. Die Freude an der glänzenden Aufführung der Fux'schen Festoper soll wesentlich dazu beigetragen haben, dass nicht lange darnach (1730) die italienische Oper nach Prag berufen wurde, deren Aufführungen erst in einem Hause auf dem Poříč, dann in dem sogenannten Kotzengebäude statt fanden. Italienische Operncomponisten wurden zuweilen nach Prag berufen, um neue Opern, deren Stoff der böhmischen Geschichte entnommen war, zu componiren. So wurde im Jahre 1734 auf dem Spork'schen Theater zu Prag die Oper: »Praga nascente« vom Venezianer Denzi, der in derselben die Rolle Ctirads selbst übernahm, von italienischen Sängern aufgeführt. Die italienische Operngesellschaft erhielt sich in Prag unter den Impresarios Locatelli, Bustelli, Bondini und Guardasoni bis zum Jahre 1807, wo sie an der Ungunst der Zeit zu Grunde ging und durch die deutsche Oper ersetzt wurde. Im Jahre 1783 erbaute Franz Graf von Nostitz in Prag ein grosses Theater, das er im Jahre 1798 den böhmischen Ständen verkaufte. Für diese Bühne und zwar für die Bondini'sche Gesellschaft schrieb Mozart 1787 seinen »Don Juan«. Das Opernorchester dieses Theaters bestand aus drei Primviolinen, vier Secondviolinen, zwei Violen, einem Cello, zwei Contrabässen, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Clarinetten, zwei Fagotten, zwei Waldhörnern, Trompeten und Pauken. Posauisten waren nicht engagirt, sondern wurden nach Bedürfniss für die einzelnen Aufführungen herbeigezogen. Diese numerisch sehr bescheidenen Kräfte waren aber wohlgeschult und wohlgeübt; sie vermochten es bei der ersten Aufführung des »Don Juan« die Ouverture, deren letzte Auflagestimmen dick mit Streusand bestreut und um 1/48 Uhr ins Orchester gebracht wurden, a prima vista so zu spielen, dass Mozart meinte: »Einige Noten sind wohl unter die Pulte gefallen, aber gut gegangen ist sie doch«. Noch weniger zahlreich war das Orchester beim »Deutschen Nationaltheater«. Es besass nur zwei Primviolinen, drei Secondviolinen und unter den Bläsern ehlten die Fagotte. Vollends schwach war das Orchester bei dem sogenannten »Vaterländischen Theater« auf dem Kapuzinerplatz (im Hause, wo jetzt das k. k. one of two readings
2J. 1796 war zu Prag nur noch die aus Blasinstrumenten zusammengestellte gräflich Pachta'sche Hauskapelle übrig; aber wenn auch die Hauskapellen eingingen, so waren doch zu Ende des 18. Jahrhunderts in adeligen und anderen ausgezeichneten Häusern sogenannte »Dilettanten-Akademien« eine beliebte und geistreiche Unterhaltung, wobei besonders das Streichquartett mit Vorliebe geflegt wurde. Beim Freiherrn von Hennet wurden alle Wochen Quartette gegeben, wobei er selbst die Violine meisterhaft spielte; desgleichen beim Grafen Spork, der das Violoncello mit vielem Geschmack behandelte. Auch in den Häusern der Grafen Ch. Clam-Gallas, Fried. Nostitz, Joh. Pachta, Wrtby wurden Wochen-Musikproductionen gegeben. — Die Opernmusik. Prag besass im Anfang des 18. Jahrhunderts kein öffentliches Theatergebäude und bot daher keine Gelegenheit zu Opernaufführungen. Wenn aber solche zuweilen doch statt fanden, so haben besondere Feierlichkeiten dazu Anlass gegeben. So wurde im Jahre 1723 bei der Krönung Karls VI. zum Könige von Böhmen in Prag eine grosse, für den Geburtstag der Kaiserin Elisabeth gedichtete Festoper: »Costanza e Fortezza« (Text vom Hofpoeten Pietro Pariati; Musik vom Hofkapellmeister J. F. Fux) gegeben, wobei 1000 Vocalisten und Instrumentalisten unter der Direction Caldara's mitwirkten. Bei ebenderselben Gelegenheit führten die Studierenden des altstädtter Jesuitengymnasiums eine lateinische Oper: »Sub olea et palma virtutis conspicua orbi regia Bohemiae corona« von D. Zelenka auf, der eigens von Dresden nach Prag kam, um den Text in Musik zu setzen. Einige Jahre später kam in demselben Gymnasium die lateinische Oper: »Constantinus« von J. A. Sehling zur Darstellung. Ja, in den Klöstern und Jesuitengymnasien fanden fast regelmässig Aufführungen lateinischer Opern oder geistlicher Musikdramen statt. Das altstädtter, neustädter und kleinseitner Gymnasium in Prag besass sein eigenes Theater, wo solche Productionen gegeben wurden. Unter anderen führten die Studierenden der genannten Gymnasien folgende Musikdramen auf: »Dies Dominicae mortis« 1727; »Jephthias« 1728; »Diva Genovefa« 1729; »Fides et Constantia« 1735; »Hermenegildus« 1748; »Bantius Nolanus« 1751 u. s. w. Aber nicht nur in Prag, sondern auch auf den Landgymnasien zu Benešov, Slané, Kosmonos, Neuhaus u. s. w. wurden derlei Musikdramen aufgeführt. Die Freude an der glänzenden Aufführung der Fux'schen Festoper soll wesentlich dazu beigetragen haben, dass nicht lange darnach (1730) die italienische Oper nach Prag berufen wurde, deren Aufführungen erst in einem Hause auf dem Poříč, dann in dem sogenannten Kotzengebäude statt fanden. Italienische Operncomponisten wurden zuweilen nach Prag berufen, um neue Opern, deren Stoff der böhmischen Geschichte entnommen war, zu componiren. So wurde im Jahre 1734 auf dem Spork'schen Theater zu Prag die Oper: »Praga nascente« vom Venezianer Denzi, der in derselben die Rolle Ctirads selbst übernahm, von italienischen Sängern aufgeführt. Die italienische Operngesellschaft erhielt sich in Prag unter den Impresarios Locatelli, Bustelli, Bondini und Guardasoni bis zum Jahre 1807, wo sie an der Ungunst der Zeit zu Grunde ging und durch die deutsche Oper ersetzt wurde. Im Jahre 1783 erbaute Franz Graf von Nostitz in Prag ein grosses Theater, das er im Jahre 1798 den böhmischen Ständen verkaufte. Für diese Bühne und zwar für die Bondini'sche Gesellschaft schrieb Mozart 1787 seinen »Don Juan«. Das Opernorchester dieses Theaters bestand aus drei Primviolinen, vier Secondviolinen, zwei Violen, einem Cello, zwei Contrabässen, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Clarinetten, zwei Fagotten, zwei Waldhörnern, Trompeten und Pauken. Posauisten waren nicht engagirt, sondern wurden nach Bedürfniss für die einzelnen Aufführungen herbeigezogen. Diese numerisch sehr bescheidenen Kräfte waren aber wohlgeschult und wohlgeübt; sie vermochten es bei der ersten Aufführung des »Don Juan« die Ouverture, deren letzte Auflagestimmen dick mit Streusand bestreut und um 1/48 Uhr ins Orchester gebracht wurden, a prima vista so zu spielen, dass Mozart meinte: »Einige Noten sind wohl unter die Pulte gefallen, aber gut gegangen ist sie doch«. Noch weniger zahlreich war das Orchester beim »Deutschen Nationaltheater«. Es besass nur zwei Primviolinen, drei Secondviolinen und unter den Bläsern ehlten die Fagotte. Vollends schwach war das Orchester bei dem sogenannten »Vaterländischen Theater« auf dem Kapuzinerplatz (im Hause, wo jetzt das k. k. one of two readings
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