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Scan 294
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1876
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1Leidenschaft nennt man im Allgemeinen häufig jede stärkere Gemüthsbewegung, besonders insofern sie sich als Affect (s. d.) äussert, und leidenschaftlich heisst in diesem Sinne der, welcher sich von seinen Affecten hinreissen lässt; für eine genauere Feststellung der Begriffe ist aber eine Unterscheidung derselben von den Affecten nothwendig. Wo nämlich Affect, da ist nicht immer L., und ebenso umgekehrt, wiewohl L.en leicht in Affecte ausbrechen. L.en sind Dispositionen zu einer gewissen Art des Begehrens, die in der überwiegenden Herrschaft derjenigen Vorstellungsmassen ihren Grund haben, aus denen sich das entsprechende Begehren erzeugt. Das, was von ihnen leidet, ist die Fähigkeit, sich in seinem Begehren und Handeln nach anderen Gründen und Ueberlegungen zu richten, als denjenigen, welche in dem Umkreise dessen, worauf die L. gerichtet ist, liegen. Der L. fehlen keineswegs die Ueberlegung und die Zugänglichkeit für Gründe. Deshalb vernünfteln die L.en, während die eigentliche Vernunft ihnen fehlt, und es erklärt sich daraus der scheinbare Widerspruch der Redeweise im gewöhnlichen Leben, nach welcher die L.en den Verstand bald schärfen, bald unterdrücken. Von den Affecten unterscheiden sich die L.en theils durch ihre Dauer, theils durch die Art ihrer Wirksamkeit. Der Affect ist ein plötzlich entstehender, rasch vorübergehender, stossweise wirkender Gemüthszustand, einem Rausch oder einem Schlagfluss vergleichbar; die L.en entstehen allmälig, wachsen oft unbemerkt, greifen um sich und verzweigen sich mit dem ganzen geistigen Leben; sie gleichen chronischen Krankheiten, die einmal ausgebildet, nur allmälig heilen. Ganz falsch ist es, wenn man die L.en als sinnliche Begehrun gen bezeichnet; im Allgemeinen kann jede Begehrung zur L. werden, und die stärksten L.en sind oft gerade die, welche mit den Objekten sinnlicher Geniessungen gar nichts zu thun haben, z. B. die L.en zur Kunst, die religiösen L.en u. s. w. L.en, die einen solchen Grad erreicht haben, dass der Mensch ihnen in seinem Inneren keinen Widerstand entgegenzusetzen fähig ist, bezeichnet man durch das Wort Sucht und Gier, z. B. Habsucht und Habgier. Unterschiede, die für die Entstehung und Ausbildung der L.en folgenreich sind, liegen hauptsächlich darin, ob die L. in das eigene Selbst oder in äussere Dinge versinkt, ob sie an das Individuum als solches gebunden oder durch gesellschaftliche Verhältnisse bedingt ist. Uebermässige L.en führen oft zu Geisteskrankheiten. — Im musikalischen Vortrage identificirt man das Wort L. mit Feuer, Lebendigkeit, Erregtheit u. s. w. (s. auch Ausdruck, Gefühl und Vortrag). Ein leidenschaftlicher Vortrag wird durch die Vorschrift appassionato, affettuoso oder con passione erforderd.
3Leidesdorf, M. J., deutscher Clavierspieler und fruchtbarer Componist für sein Instrument, lebte bis 1827 in Wien und hatte daselbst auch eine Musikalienhandlung inne. Hierauf ging er nach Florenz, wo er am 26. Septbr. 1839 starb. Seine gewandt und geschickt geschriebenen Claviercompositionen, etwa 156 an der Zahl, bestehend in Sonaten, Rondos, Variationen, Fantasien u. s. w., entbehren zwar jeder Tiefe, waren aber bei den Dilettanten seiner Zeit sehr beliebt.
5Leidgebel, Amandus Leopold, tüchtiger und erfahrener deutscher Componist, geboren am 26. Decbr. 1816 zu Guhrau, begann seine höheren Studien, besonders im Orgelspiel und in der Composition, in Breslau und siedelte 1843 nach Berlin über, wo er bei A. B. Marx den Compositionscursus vollendete. Seitdem wirkt er in Berlin als Musiklehrer. Von seinen gediegenen Compositionen erschienen mehrere beachtenswerthe Liederhefte, sowie Pianoforte-Duos, ein Quintett und ein Quartett für Clavier und Streichinstrumente. Andere treffliche Werke von ihm für Kammermusik sind noch nicht veröffentlicht worden.
7Leiding, Georg Dietrich, deutscher Orgelvirtuose und Componist, geboren am 23. Febr. 1664 zu Bücken in der Grafschaft Hayn als Sohn eines Rittmeisters, der sich im dreissigjährigen Kriege unter Bernhard von Weimar
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