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Scan 492
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1877
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1brachte er am 9. Novbr. 1769 eine aus drei Nummern bestehende Hochzeits-Cantate für Frauenstimmen zur Aufführung, die von zwei Flöten, zwei Hörnern und Streichinstrumenten begleitet wird. Ihr folgte, soweit die Quellen reichen, eine grössere Cantate zur Einweihung des schönen Schlosses in Wörlitz im J. 1773. Zu den Streichinstrumenten treten hier zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Trompeten, zwei Hörner und Pauken, während der Chor vierstimmig für Frauen- und Männerstimmen gesetzt ist. Das Orchester hatte sich also schnell und stark vermehrt, und zählte zu seinen Mitgliedern zwei ausgezeichnete Virtuosen: den Flötisten Kottowsky, einen der besten Schüler von Quanz, und den Violoncellisten Bischoff. Nicht minder ausgezeichnet waren die vocalen Solokräfte, von denen die weiblichen bald in ein näheres, verwandtschaftliches Verhältniss zu ihrem Lehrer treten sollten. Es waren die Schwestern Luise und Henriette Niedhart. Nunmehr durfte R. daran denken, Grösseres zu unternehmen. Die Liebe zur Kunst war geweckt, und wer in Dessau Anspruch auf Bildung machen wollte, folgte willig, ja begeistert seiner erfahrenen Leitung. Dessau zählte damals zwei Dichter von Ruf in seinen Mauern: Matthisson und Hofrath Behrisch, einen alten Universitätsfreund Goethe’s. Von weittragendster Bedeutung war ferner die Errichtung des Philantropin’s unter Basedow’s Leitung,* das von den Söhnen der vornehmsten Familien Deutschlands besucht wurde und deren musikalische Bildung R. übernahm. So herrschte in dem kleinen Dessau — ähnlich wie in Weimar — durch Zusammenfluss bedeutender, vom Fürsten berufener Männer, ein äusserst reges, geistiges Leben, das sich auf dem Gebiete der Musik selbstverständlich um R. bewegte. Sein Aufruf zur Bildung eines gesellschaftlichen Theaters im J. 1774 fand deshalb sogleich den freudigsten Widerhall und die allseitigste Unterstützung. Unter den darstellenden Mitgliedern begegnet man vom Philantropin allein fünf Professoren (Theater-Journal vom J. 1777, viertes Stück, Seite 146). Der Gedanke, dass die Bühne eine Bildungsstätte höchster Art sein könne, hatte eben die ganze damalige gebildete Welt erfasst, an deren glanzvollem, idealem Himmel die Namen Lessing, Goethe, Schiller, Gluck und Mozart für alle Zeiten als Sterne erster Grösse leuchten werden. Am 24. Septbr. 1774, dem Geburtstage der Fürstin Luise, gebornen Prinzessin von Preussen, fand die Eröffnung dieses gesellschaftlichen Theaters mit der Oper »Elisium« von Schweizer statt, und verherrlichte zugleich die Uebergabe eines reizenden Parkes, den der Fürst seiner Gemahlin verehrte und nach ihr den Namen Luisium beilegte. Inzwischen vermittelte Franz Benda einen Besuch Rust’s am Hofe Friedrich des Grossen. So nahete das Jahr 1775, das freudens- und ehrenreichste im Leben des rastlos strebenden Meisters. Nachdem R. bereits 8 Jahre lang Seele und Haupt aller Musik in Dessau gewesen, ernannte ihn endlich der fürstliche Jugendfreund, der Regent des Landes, zum wirklichen Musikdirektor. Zugleich schenkte ihm am 10. Mai seine Schülerin Henriette Niedhart, die jüngere der oben genannten beiden Schwestern, Herz und Hand. Den Abend vor der Hochzeit feierten seine übrigen zahlreichen Schüler durch eine von Behrisch gedichtete, von J. G. Keller componirte Serenade für Gesang und Orchester, und wohl durfte R. mit grosser Genugthuung sich dieser Huldigung freuen, die eine süsse Frucht langjähriger Mühen in sich schloss.
3Bald darauf trat er mit seiner jungen Frau und seiner Schwägerin die Reise nach Potsdam an, wo er in einem Concerte bei dem Kronprinzen den ganzen königlichen Hof versammelt fand. Hier hatte R. die grosse Freude, dass seine Schülerinnen neben der berühmten Mara mit den grössten Ehren und Erfolgen rivalisirten, während er selbst auf der Violine seine hohe Meisterschaft bekundete, und auf Verlangen auch ein von ihm componirtes Solo auf der italienischen sechssaitigen Viola d’amour vortrug. Der Kronprinz selbst accompagnirte die Arien beider Schwestern auf dem Violoncell, und im engeren
5*) Basedow’s Berufung nach Dessau datirt vom J. 1771.
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