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Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1878

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1Die instrumentale Bearbeitung dieser weltlichen Lieder nannte man allgemein im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts Canzoni. Doch veröffentlichte schon 1688 Johann Schenk: »Scherzi musicali per la viola di gamba«. Als man bei der Zusammenstellung der einzelnen selbständigen Instrumentalformen zur Sonate den Charakter der einzelnen Sätze mehr berücksichtigte, trat dann neben das Allegro effettuoso oder Allegro grazioso das Allegretto scherzando oder auch Presto scherzando. So besteht Ph. Em. Bach’s erste (A-moll-) Sonate seiner »Six Sonates« (3. Recueil) aus einem Allegretto, Adagio und einem Allegretto Siciliano e scherzando. Binder gibt seiner Sonate in der, in den Jahren 1755—65 bei Haffner in Nürnberg veröffentlichten grossen Sonaten-sammlung »Oeuvres mêlees« (12 Theile) als Schlusssatz ein Presto Scherzando (VIII, No. 2), Hengsberger (VIII, 3) ein Scherzo Presto bei. Es war in der ganzen Anschauungsweise jener Zeit begründet, den letzten Satz der neuen Sonatenform leichter und anmuthiger zu gestalten, und so lag es nahe, die Form des Allegro (Rondo) oder Presto leichter und mit grösserer Spielfreudigkeit zu halten. In diesem Sinne wurde die ganze Sonatenform ja auch noch von Haydn und Mozart vielfach angeschaut und weitergebildet. Beethoven erst erhob gerade den Schlusssatz zum bedeutendsten Satz der Sonatenform, er steigerte das Schluss-Allegro zum gewaltigen, den ganzen Verlauf grandios abschliessenden Finale und so wurde er dazu gedrängt, Scherz und Humor in einem besondern Satz einzuführen und diesem erhöhte Bedeutung zu geben; dazu aber bot ihm die Menuett den nächsten Anhaltspunkt. Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, dass die Tanzformen erst dann auf eine höhere Stufe künstlerischer Bedeutung gelangen, wenn sie ihre ursprüngliche Beziehung zu den, sie erzeugenden äussern Vorgängen möglichst verlieren. Die grossen Meister, wo sie sich den Tanzformen zuwenden, halten wohl am rhythmischen Schema fest, aber da dies nicht mehr dem äussern Zweck dienen soll, wird es im Geiste des Künstlers individuell frei nach und neu gestaltet, so dass seine Beziehungen zum äussern Vorgange nur noch lose erhalten werden. So entstanden die Tänze Bach’s, die Walzer und Polonaisen Schubert’s, wie die Mazurken, Walzer und Polonaisen Chopin’s und auf diesem Wege erfolgte auch die Umgestaltung der Menuett zum Scherzo.
3Auch Haydn und Mozart veränderten den ursprünglichen Charakter der Menuett. Mozart hielt mehr noch an ihm fest als Haydn; wie in den ältern ist die höfische Grazie bei den jüngern Meistern vorwiegend, aber sie ist noch verbunden mit der überquellenden Innigkeit und dem Glanze einer heitern Lebensanschauung. Haydn dagegen erfasste die Form schon in ihrer volksthümlichen Umgestaltung, er ersetzte die Grazie durch die ungebundenste Lust, die Innigkeit durch übersprudelnde Laune. Die Form wurde ihm so zum Gefäss für den Ausdruck schwunghafter, durch die Freude beflügelter, von Lebenslust getragener Empfindung. Die Leichtigkeit der Tanzrhythmus wurde ihm zum beliebtesten Ausdrucksmittel für jene Stimmung, in welcher er das Leben am liebsten anschaut, so dass sie auch häufig in seine Finale’s mit hinübergeht. Beethoven knüpfte zunächst an diese Anschauung an, indem er sie zugleich mit der Mozart’s vereinigte. Auch bei Beethoven wird die Menuett von der ungebundenen, reinsten und ungetrübtesten Lebenslust erzeugt, aber das Trio ist zugleich erfüllt mit der grossen Innigkeit und Weichheit seiner Individualität, und sie giebt der, die Menuett bewegende Stimmung höhere Bedeutung, so dass diese nothwendig erweitert werden musste. Beethoven hält zwar an der ursprünglichen Form der Menuett in ihren Grundzügen fest, aber er setzt zunächst die einzelnen Glieder in so wunderbar verschlungene Wechselbezüge, wie im Rondo. Die ältern Förderer des Sonatenstils schon und namentlich Jos. Haydn hatten in dieser Weise die Menuett zum Finale verwendet. Aber es ist dies doch nur mehr äusserlich, im Sinne einer formellen Erweiterung. Beethoven dagegen setzt die einzelnen Glieder der

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