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Scan 106
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1878
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1Menuett in die mannichfachsten Bezüge, um sie so zum Träger seiner Anschauung von dieser Seite der Lebensäusserung zu machen. Demgemäß wird nothwendig auch die Erfindung der Motive eine andere. Wie er den engen Periodenbau des Liedes zum Adagio erweitert, so verlässt auch die Rhythmik des Scherzo's die engen Pas der Menuett; diese stürmt in geflügeltem Schritt einher und ordnet sich in so weiten Maassen, wie die Menuett niemals. Natürlich erweitern sich damit auch die harmonischen und melodischen Mittel der Menuett. Diese bedarf natürlich ihres engern Rahmens halber nur einen geringern Aufwand derselben. Mit der Erweiterung der Form ist nothwendiger Weise auch eine Vermehrung der anderweitigen Darstellungsmittel geboten. So wurde die Menuett zum Scherzo, in dem nicht nur die bunte Lust des Lebens, sondern der ganze, in der mannichfachsten Weise sich äussernde Humor desselben in überwältigender Macht entfesselt scheint. Diese Form ist natürlich auch weit mehr geeignet als Mittelsatz zwischen Adagio und Allegro zu treten; als vollständiger Gegensatz zum Adagio tritt er als dessen nothwendige Ergänzung ein. Ihre Stellung zu einander wird vom vorausgehenden Allegrosatz abhängig. Da beide aus demselben Boden hervortreiben, so wird es immer vom ersten Satz abhängen, welche von den beiden verschiedenen Ausdrucksweisen der eng aufeinander bezogenen Stimmungen durch ihn zuerst angeregt ist. Bei Beethoven geht das Adagio meist dem Scherzo voran. In den späteren Werken erst, wie in der B-dur-Sonate (op. 106) folgt das Scherzo dem Allegro und dann erst folgt das Adagio. In der neuern Zeit wird diese Anordnung häufiger gewählt; auch die Verschmelzung beider Sätze ist, wenn auch ohne rechten Erfolg, versucht worden.
3Das Scherzo der A-dur-Sonate von Beethoven (op. 2 No. II) trägt noch die Form der alten Menuett; aber der Inhalt ist schon ein anderer; er ist nicht mehr von Vorgängen des äussern Lebens erzeugt, sondern treibt von innen heraus, ebenso graziös launig, wie tiefer Empfindung voll. Schon das Scherzo in No. III desselben Werks giebt die enge Gliederung der Menuett auf; das das Scherzo vertretende Allegro der Es-dur-Sonate (op. 7) ist noch weiter ausgeführt, ebenso wie das der F-dur-Sonate (op. 10). Auch Menuetten schreibt der Meister noch, wie in op. 10 No. III und op. 14 No. II, aber erweitert und vergeistigt. Der schwerfällige Dreivierteltakt hat dem leichtfüssigern Dreiachteltakt weichen müssen und die einzelnen Theile sind künstlich, nach Art des Rondo verknüpft. In entsprechenden Fällen wird selbst der dreitheilige Rhythmus aufgegeben und dafür der zweitheilige gewählt, wie im Scherzo der Es-dur-Sonate, op. 31 No. III. Die weiteste Freiheit der Construktion gewinnt diese neue Form selbstverständlich in der Sinfonie, und das unstreitig grossartigste Scherzo, das der neunten Sinfonie, ist bei seinen grandiosen Verhältnissen doch auch so übersichtlich und natürlich gegliedert, wie nur die einfachste Menuett.*)
5Die Romantiker Weber, Mendelssohn, Schubert und Schumann erfüllten das Scherzo wieder mit einem neuen Inhalt. Weber und Schubert und nach ihnen Mendelssohn machten es zu einem Reigen lustiger Elfen und neckischer Kobolde. Robert Schumann erweiterte das Scherzo insofern, als er ihm noch ein zweites Trio zufügte. Die leidenschaftliche Erregtheit, welche sich in der Regel in den Scherzi des Meisters austobt, macht zwei gegensätzliche Trio's, von denen das eine die Grundstimmung mehr mit der süssen Schwärmerei, das andere mit der stürmischen Hast seines Innern näher detaillirt, nothwendig. Wie der Humor in der Romantik ein anderer geworden ist, so wurde es auch die Form der musikalischen Ausdrucksweise desselben, das Scherzo, das deshalb auch als selbständige Form namentlich durch Chopin gepflegt wurde, doch meist nicht in der strengen und doch breiten und weiten Form der Meister, sondern mehr in der losen und willkürlich freieren Form
7*) Vergl. Reissmann, „Lehrbuch der Composition“, Bd. II, pag. 39 ff.
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