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Scan 365
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1879
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1die seltensten Triumphe feierte. Mit Beginn 1878 folgte der Künstler einer höchst schmeichelhaften Einladung nach Italien. Hier erregte er fast unglaubliches Furore. Im Monat März 1878 veranstaltete er in Mailand eine glänzende Serie von »Abenden für deutsche Kammermusik«, welche ihm die feierliche Ernennung zum Ehrenmitglied der berühmten Mailänder »Società di quartetto« einbrachte. Der Enthusiasmus, welchen August Wilhelmj überhaupt im Vaterlande von Paganini hervorrief, überbot alles bis jetzt Dagewesene. Seit Ende September 1878 concertirt der unvergleichliche Künstler in Amerika mit Erfolgen, die selbst seine in Europa errungenen in den Schatten stellen.
31871 ward W. der Charakter eines Professors verliehen; ausserdem ist W., wie Eingangs erwähnt, Ehrenbürger der Stadt Usingen, Ehren-Mitglied vieler künstlerischer und gelehrter Gesellschaften, sowie Inhaber der grossen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft, Ritter zahlreicher hoher Orden u. s. w. In der Composition hat sich W. nicht ohne Glück versucht: einige hübsche Geigensachen, darunter ein grösseres, noch nicht veröffentlichtes Concert, recht originelle Lieder, sowie eine umfangreichere Hochzeits-Cantate für Soli, Chor und Orchester sind dem Schreiber dieses bekannt. Geschätzt sind seine Violin-Transcriptionen Chopin’scher, Bach’scher und Wagner’scher Werke. Was seine Specialität als Geiger betrifft, so steht W. anerkannt als Solist wie Quartettist gleich hoch; besonders hervorzuheben aber sind seine Leistungen in den letzten Quartetten Beethoven’s und in den Werken der neueren Tondichter. Johann Sebastian Bach namentlich wird von Keinem so vollendet interpretirt, als von Wilhelmj. Als ihn einstmals Richard Wagner die Chaconne vortragen hörte, fiel er ihm mit Thränen in den Augen um den Hals, und sagte: »Reden kann ich nicht, lieber Wilhelmj — aber Sie müssen fühlen, welchen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Es ist das Grösste, was mir in der reproduktiven Kunst noch vorgekommen ist!« Ebenso giebt es keinen Geiger, welcher die sämmtlichen Compositionen Paganini’s mit solcher Vollendung spielt, als W. Man muss sie von ihm gehört haben, um einen Begriff von seiner Technik zu bekommen. Schon darum jedoch verdient W. den ersten Platz unter den lebenden Meistern der Geige, weil er nicht einseitig ist, sondern das gesammtte Gebiet der Violin-Literatur sein Repertoire nennt. Er ist vollendet Meister in allen Stilarten. Dass er die lebenden Tondichter besonders berücksichtigt, kann man ihm nur danken; so findet man auf seinen Programmen in neuerer Zeit prävalirend die Namen: Rubinstein, Raff, Swendsen, August Reissmann, Ferd. Hiller u. s. w.
5Von Wilhelmj, dem echten Rheinländer mit all’ seinen Vorzügen und Fehlern, konnte Dr. Wilhelm Mohr in der »Kölnischen Zeitung« gelegentlich des Vortrages des Raff’schen Concertes sehr richtig sagen: »Wer vermochte da noch zu unterscheiden, was dem schaffenden und was dem nachschaffenden Künstler angehörte?« Speciell über Wilhelmj’s Qualität als Geiger scheint nun auch Wilhelm Mohr mit wenigen Worten das Richtige getroffen zu haben: »Wo ist eine Sängerin oder ein Sänger in Deutschland, welcher Wilhelmj in der Kunst der Tonbildung gleichkäme? — eine andere Seite der Wilhelmj’schen Vorzüge ist (ausser dem wunderbar grossen und transparenten Tone) die beispiellose Reinheit und Schallkraft der Terzen-, Sexten-, Octaven- und Decimen-Doppelgänge. Wilhelmj ist in allem diesem einzig. In dem specifisch Violinistischen dürfte derselbe allerdings unerreicht dastehen — es fragt sich, ob selbst Paganini diese reelle Technik besass?« Um es mit wenigen Worten zu sagen: Wilhelmj’s individuelle Grösse als Geiger liegt in dem vornehmen, klassischen, originalen Vortrage, dem stets absolut reinen*) und wunderbar grossen Tone, verbunden mit einer beispiellosen technischen Vollendung — in der Vereinigung dieser charakteristischen Vorzüge steht ihm keiner seiner
7*) Ferdinand Laub sagte einmal: „August Wilhelmj kann gar nicht falsch spielen — ich glaube, selbst wenn er wollte!“
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