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Scan 98
Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Für gebildete aller Stände, 1879
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1Stifter der durch Mildner und Ferd. Laub berühmt gewordenen Prager Schule und Franz Eck, der Lehrer Spohr's. Dieser letztere, als Componist, Virtuose wie Pädagoge auf gleich hoher Stufe, ist, nachdem er in Kassel bleibenden Wohnsitz genommen hatte, das Haupt der deutschen Violinschule geworden, so dass es heutzutage kaum einen Geiger in Deutschland giebt, der nicht direkt oder indirekt mit ihm im Zusammenhange stünde. Als die bedeutendsten seiner Schüler seien hier nur Hubert Ries (Berlin), Ferdinand David (Leipzig) und August Kömpel (Weimar) genannt; als der zweiten Generation angehörig und direkt aus David's Schule stammend: August Wilhelmj (Wiesbaden) und George Japha (Köln). Neben Kassel hat noch Wien als Bildungsstätte für Violinspieler geglänzt. Leopold Mozart's 1756 erschienene Violinschule, welche zu ihrer Zeit eines europäischen Rufes genoss, mag gewissermassen als Grundlage des österreichischen Violinspiels gelten; in ähnlich fördernder Weise wirkte ein zweites, mehr an die italienischen Meister sich anlehndes Unterrichtswerk von Anton Wranitzki, das »Violinfondament«. Die Reihe der Wiener Virtuosen unseres Jahrhunderts eröffnet Schuppanzigh, mit Recht berühmt als der erste Interpret der Beethoven'schen Streichquartette; ihm folgte Josef Mayseder, dem eine grosse Anzahl bedeutender Geiger ihre Ausbildung zu verdanken haben, an ihrer Spitze H. W. Ernst und Josef Böhm, welcher letztere im Verein mit Jacob Dont die Traditionen des Meisters fortpflanzte. Leopold Auer und Georg Helmesberger verdanken dem letzteren, Joseph Joachim, Rappoldi, Ludwig Strauss und Edmund Singer dem ersteren ihre Ausbildung. — Können die übrigen Länder diesen Erfolgen Frankreichs und Deutschlands auf dem Gebiet des Violinspiels gegenüber kaum in Betracht kommen, so darf doch nicht unerwähnt bleiben, dass Norwegen in Ole Bull (geboren 1810 zu Bergen), Polen in Lipinski und Henri Wieniawski, endlich auch das Italien unseres Jahrhunderts in dem mit Recht hochgefeierten Nicolo Paganini und seinem Schüler Savori, sowie in Bazzini Geigenkünstler aufzuweisen haben, welche den früher genannten würdig zur Seite stehen.
3Die reichen Schätze der Violinliteratur, welche die drei letzten Jahrhunderte haben entstehen sehen, auch nur zum kleinsten Theil namhaft zu machen, verbietet der, dieser Skizze zugemessene Raum. Der Leser sei bezüglich der selben auf Albert Tottmann's »Führer durch den Violin-Unterricht« (Leipzig, 1874) verwiesen, ein kritisches, progressiv geordnetes Repertorium der instructiven, sowie der Solo- und Ensemble-Werke für Violine. In neuester Zeit beklagt man sich mit Recht, dass die Literatur der Geige keine der Bedeutung des Instrumentes entsprechende Bereicherung erfahren hat; als Ursache dieser Erscheinung wird die, im Musikleben der Gegenwart beinahe unbeschränkte Herrschaft des Claviers bezeichnet. Allerdings sind die namhaften Geigenvirtuosen der Gegenwart, entmuthigt durch die vom Publikum ausgesprochene Bevorzugung des Clavieres auf Kosten ihres Instrumentes, zum Theil der Verpflichtung untreu geworden, durch eigene Schöpfungen das von ihren Vorgängern hinterlassene Erbtheil zu vergrössern; sie überlassen es wohl gar den, mit der Technik der Geige häufig ganz unbekannten Clavierspielern, das Violin-Repertoire mit den unumgänglich nötigen Novitäten zu versorgen. Die der Violine innenwohnende Lebenskraft lässt jedoch hoffen und erwarten, dass dieser Zustand nur ein vorübergehender ist; schon jetzt bricht sich die Ueberzeugung Bahn, dass die, ebenfalls durch den einseitigen Clavier-Cultus bedingte Vernachlässigung des Kunstgesanges, dessen Studium in früheren Zeiten mit Recht als unentbehrlich für die musikalische Erziehung galt, schwere Nachtheile für die Entwicklung der Tonkunst im Gefolge gehabt hat. Sobald einmal dieses Missverhältniss des heutigen Musiklebens beseitigt, sobald man die Ausbildung der menschlichen Stimme wiederum als Grundlage alles Musicirens betrachten gelernt hat, so wird auch die Violine, als dasjenige Instrument, welches mit seiner Leistungsfähigkeit der menschlichen Stimme am nächsten kommt, berufen sein,
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